Der Karthograph des Rheinlands

Heimat ist Vertrautheit. Ist ein mitgegebener oder aufgesuchter Bezugsraum. Etwas, das man sich vormacht oder etwas Vorgemachtes. Ein wie auch immer energetisches Zentrum für Exkursionen und Wiederkünfte, Fluchten und Bewahrungsbestrebungen. Heimat schafft Mentalität, sei es mittels Adaption oder mittels Abwehr. Sie ist eines der Basislager der eigenen Orientierungsversuche, eine ständig wiederkehrende Schablone für die Vergewisserungen des Ichs.

Ron Winkler

Bedeutend sind die Artisten, die sich stets neu erfinden und doch dieselben bleiben. Große Literatur ist mit Anstrengungen verbunden, sie fordert ihre Leser heraus und zwingt sie zu Auseinandersetzungen mit Themen, die diesen bislang fremd waren oder auf wenig Interesse stiessen. Wenn Literatur die Gegenwart abbilden will, jene komplexe, diversifizierte Zeit in der wir leben, muß sie Dinge wagen, welche die Lektüre zunächst nicht zwingend zu einem Vergnügen machen. A.J. Weigoni ist dabei ein Werk zu schaffen, das alle Gewißheiten zersetzt, mit diesem Roman nimmt er eine Autopsie der rheinischen Seele vor. Dieser Roman misst die geistige Temperatur der Gegenwart. Lokalhelden ist ein Psychogramm des Lebens in einem zu klein geratenen „Landeshauptdorf“.

Hier geboren zu sein, empfindet der Rheinländer als Kränkung.

Quelle: Toilettenwand

Die Wortwahl ist bisweilen irritierend, aber farbig und konsequent. Die Satzverknüpfungen entsprechen der Aufsplitterung der Handlung in einzelne Mosaiksteine. Wir haben es hier mit einem Sprachmaniac zu tun, dessen Erzählen zugleich auch eine radikale Kultur- und Gesellschaftskritik ist, indem er die verborgenen Anteile einer Gesellschaft freilegt, die von der glatten, makellos scheinenden Aussenseite nur notdürftig verdeckt werden. Weigoni ist ein Sprachbeobachter mit scharfem Blick auf gesellschaftliche Praktiken. Die sogenannten ’68er haben die Gesellschaft zwar modernisiert, damit aber auch stabilisiert. Im Nachhinein verteidigen sie eine BRD, die nach 1989 längst untergegangen ist. Die einstmals emanzipatorisch intendierten Praktiken libertärer Projekte ästhetischer und sexueller Devianz sind nolens volens zum Motor des postfordistischen Kapitalismus mutiert. Mit dem Ende der Bonner Republik mutiert das Staatsgebiet zu einem Deutschland 4.0, der Pendelschlag geht unweigerlich von links nach rechts.

Mit der Heimat Ideologie zu machen, ist das Schlimmste überhaupt… Die Ideologie der Heimat ist ein Teil des Nazitums. Mit der Heimaterpressung: „Du hast kein Heimatgefühl“, setzen die einen unter Druck.

Peter Handke

Lokalhelden ist ein Roman über das Weltgeschehen en miniature, die „Heimat“. Weigoni blickt neu auf ein verschwundenes Land, die Bonner Republik. Heimat ist im Rheinland kein Ort sondern ein Zustand, ganz ohne jede Tümelei. Dieser Roman macht uns das Deutschland von heute begreiflich. Die Rheinländer sind unverbesserliche Weltverbesserer, sie bekennen sich zur Mehrdeutigkeit. Im Wahren ist für sie immer auch etwas Falsches, im Vernünftigen immer auch etwas Unvernünftiges, in ihrer Freiheit immer auch Zwang. Eine negative Ethik hat in dieser Region kein Ziel, ausser Schaden zu vermeiden. Sie will keinen Endzustand erreichen, kein Paradies auf Erden. Weigoni begibt sich auf die Spuren des beschädigten Lebens. Er ist ein Gedankenexperimentator, der keine Berührungsängste auch vor fragwürdigsten Ideen kennt. Die gedrechselten Gedankengänge der Rheinländer führen ihn immer zu absurden Dialogen. Die Fragen nach Sinn und Unsinn, nach den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Lebens treiben sie an und führen sie letztlich zurück zur Lust am Leben. Weigoni beschreibt dies mit sehr viel Ruhe, melancholisch, mitunter gar resigniert, distanziert und sehr mitfühlend. Im Rheinland ist die makelhafte Verknüpfung von Wunsch und Realität, Vision und Trash ein Stilmittel. Seine Romane (siehe auch:  Abgeschlossenes Sammelgebiet) sind scharfsinnige sprachexperimentelle Gesellschaftsbeobachtungen und -diagnosen, ohne als dröge soziologische Studie daherzukommen. Ihr eigenwilliger Sound, ihre Schreibweise und ihr gesellschaftskritischer Ton machen ihn zu einem Solitär.

Dialekt ist, wenn die Seele atmet.

Goethe

Die Rheinländer sind in Empfindsamkeits-Ghettos eingeschlossen und bleiben auf Distanz zu einer Idee von Heimat, zur alten wie auch zur neuen. Sie verstehen sich nicht, verfallen aber gerade dadurch auf Kommunikationsformen, die mehr zu verstehen geben als tausend Worte. Weigoni hat ein Gespür für die Abgründe seiner Figuren und ein Gehör für deren Dialekt. Die Rheinländer parodieren. Sie reden unentwegt. Sie psalmodieren, sprechen nur mit schneller, modulierender Zunge, sich das Wort hin und wieder wie bei einer Stafette aus dem Mund nehmend. Kurze Hacksätze. Subjekt. Verb. Objekt. Sie häufeln kurzangebundene Syntax. Diese Typen scherbeln die Sprache, jazzen mit Worten und treiben Wort-Beat. Weigoni kommt sprachlich auf die Höhe des Kunstwerkes, macht es nachempfindbar, ordnete den rheinischen Dialekt dabei wie beiläufig ein und beschreib selbst Kompliziertestes so sinnlich, daß ihn auch Lischen Müller verstehen könnte, wenn sie nur wollte. Weigoni wechselt behände zwischen Tonarten und Textsorten hin und her, zwischen genauen Wirklichkeitsbeschreibungen und ins irreale kippenden Bildern, er nutzt verschiedene Stimmen, verändert immer wieder die Blickwinkel, manchmal von Absatz zu Absatz. Lokalhelden ist ein Panoptikum, ein Gemurmel, ein ohrenbetäubendes Klangwerk.

Neue Heimat … lieber besser leben.

Das Leben im Rheinland ist eine unhaltbare Sache, die Menschen erleben eine diffus distanzierte Fassungslosigkeit angesichts der Eigendynamik von Biografie, die sich selbstbewusster Lebensplanung entzieht. Lokalhelden definiert den geschmähten Begriff ´Heimatroman` neu. Heimat ist keine abstrakte Idee, nichts Verklärtes, keine Postkitschkarte, sondern ein gelebtes Gefühl. Es ist das Gefühl, dort bleiben zu wollen, wo man glücklich gewesen ist. Weigoni liebt das Rheinland, deshalb ist sein Roman Lokalhelden auch ein Heimatroman. Er beschreibt den Topos des Nichtorts als Sehnsuchtsort: Das Rheinland! Die Bonner Republik erscheint hier als eine in die Jahre gekommene BRD, eine angeschmutzte Provinz. Diese Region endet an den Rändern der rheinischen Bucht, über die der Roman weißt jedoch weit hinausweist, er erinnert an den vergessenen Zusammenhang von Leichtigkeit und Freiheit in einem untergegangenen „Westdeutschland“. Die meisten Rheinländer zeigen sich unentschlossen, ihre Stimmungslage schwankt zwischen Resignation und Aufruhr. Die untergehende Bonner Republik ist eine Melange aus Erinnerungsfetzen, Klang-, Gefühls- und Geruchsempfindungen, theoretischen Exkursen, obszönen Beschreibungen und Todeserwartung. Abseits der Einflüsterungen des Zeitgeistes folgt Weigoni, das Ich als Anderer dekonstuierend, dem eigenen ästhetischen Wollen.

Anstelle von Heimat halte ich die Verwandlungen der Welt.

Nelly Sachs

In der sterbenden Provinz „Rheinland“ wird nur noch erinnert. Es gibt in der Bonner Republik eine epistemologische Unsitte, die Angewohnheit, jede Aussage sofort ins Grundsätzliche hinein zu modulieren, und sie dadurch apokalyptisch zu formatieren. Historisch gesehen ist die Nation der natürliche Feind der Heimat, den Rheinländern gelang es jedoch immer die deutsche Dominanzkultur zu durchbrechen. Zwar führt die Vergangenheit zu gegenwärtigen Vorgängen, doch erscheinen diese seltsam determiniert durch etwas, was seit dem Umzug der Hauptstadt über diese Typen verhängt ist. Es ist der „Choc“ der Erkenntnis, von dem Walter Benjamin spricht: Er garantiert das „Jetzt der Erkennbarkeit“. Im Rheinland ist es ein feinsinniges Empfindens für das Jetzt, während die Freiheit das ultimative Ziel ist. Die Freiheit des Geistes. Es ist ein Panorama ganz eigener Art, nicht als großes, sinnfälliges Schicksalstheater, sondern als dichte Beschreibung eines kontingenten in-der-Welt-Drinsteckens, das die Rheinländer noch in der Schwebe hält, während sie bereits dabei sind, aus ihr rauszufallen. Der Tonfall des Romans ist, bei allem, was an Egoismen und Statuskämpfen, Empathie und gegenseitigem Aufreiben Platz findet, weder denunziatorisch noch gewillt, ein jedes Leben auf das eine Geheimnis zu reduzieren, das es verständlich machte. Lokalhelden ist das Spiel mit Metaebenen, die Vermischung von Fiktivem mit konkreten Realitätsbezügen.

Die rheinische Liberalität, das Laisser-faire in „Klein-Paris“ ließen ein Kraftzentrum der durch Krieg und Nachkriegszeit unterbrochenen deutschen Gegenwartskunst entstehen, deren Bedeutung erst nach und nach klar wurde.

Bernd Cailloux

Es geht um die totale Expression, den Versuch die überbordende Unordnung der Stadt und der Seele aufeinander zu beziehen, sprachlich einzufassen und zu abstrahieren. Das große Chaos in Geist und Gefühl des Rheinlands einzufangen. So reich ist Weigonis Wortschatz, daß man schon beim Lesen hinterherkommt, dauernd stockt und stolpert und sich fragt, worum es eigentlich gerade geht, welche Klangfarbe welche Assoziation wecken soll. Unter praktischen Gesichtspunkten qualifizieren sich die Bewohner dieses ´Retrotopia` (Zygmunt Bauman) als Lebensverpasser, sie schämen sich kaum, rutschen aus einer Problemlage in die nächste und erweisen sich auf diskrete Weise als schamlos. Weigoni ist ein Meister der Aneignung und der unsentimentalen Empathie, als passionierter Menschenforscher liefert  er ein eierkohlenglühendes Stimmungsbild der deutschen Zustände der Achsenzeit mit ihren veränderten Verhältnissen, Ansprüchen und Wesensverzerrungen. Bei aller Ruppigkeit ist ihm das liebende Einverständnis mit seinen Figuren wichtig. Die Anekdoten aus dem Rheinland sind Überlieferungen, die selbstverursachten Amnesien der Rheinländer bleiben durch das deklarative Gedächtnis der Literatur bestehen. Weigoni lotet in seiner Mythenbricolage die Legenden des Rheinlands aus, er will die Welt nicht mit Tatsachen verwirren.

Heimat ist das Land oder auch nur der Landstrich, in dem man geboren ist oder auch nur bleibenden Aufenthalt hat.

Grimm’sches Wörterbuch

Wer den Begriff „Heimat“ benutzt, zieht eine Grenze. Im Rheinland ist dieser Begriff seit der 1848er Märzrevolution romantisch aufgeladen und entstammt der spezifisch deutschen Kleinstaaterei, in der mit vereinten Kräften der Grossmacht Preussen mißtraut wurde. Und so bewegt sich auch die Grammatik im Grenzbereich. Das Rheinische besteht aus stakkatoartigen Satzfragmenten und fällt durch die parataktische Aneinanderreihung von Ellipsen auf, häufig ist es dem Leser überlassen, die einzelnen Aussagen des Protagonisten zu vervollständigen. Gegenwärtiges und Nostalgisches, Realismus und Zitat kreisen hier umeinander. Im Geflecht von Korrespondenzen legt dieser Romancier Zusammenhänge frei, die immer genauere Umrisse Ortlosigkeit und Verortungsversuchen erkennen lassen. In seinem Roman Lokalhelden gibt es eine klar erkennbare Dramaturgie, allerdings keine lineare, sich an die Regeln eines gut gemachten Dramas haltende Dramaturgie, die den Gesetzen der rationalen Logik folgt. Man kann sie eher als Traumdramaturgie bezeichnen. Der Leser wird in eine Welt geworfen, welche die Folgen dessen was passiert ist, wenn es passiert ist tragen muß, ohne genau geschildert zu bekommen, was das urige des Rheinlands überhaupt ist. Veränderung vollzieht sich im Rheinland nur verträglich im vermeintlich Individuellen, was sich kurze Zeit später als gesamtgesellschaftlicher Wandel offenbart.

Woanders weisst du selbst, wer du bist. Hier wissen es die anderen: Das ist Heimat.

Sönke Wortmann

Das Reinland scheint bevölkert von traumatisierten, psychisch überforderten Existenzen. Die Werte der Demokratie bröckeln, die Frage ist, ob die Verhältnisse stabil genug sind, das auszuhalten. Weigonis Romane operieren konsequent von den Randzonen aus, das Rheinland erscheint darin als eine dystopische Provinz, in zeichenhaften Details erfaßt, wuchernde Einzelheiten dominieren und flankieren die Perspektive der Figuren. Scheinbare Hauptsachen unterscheiden sich nicht von unscheinbaren Nebensachen. Jegliche übergreifende Orientierung wird torpediert. Das geschieht auch in der Art, wie sich Fragmente der Erinnerung übergangslos in Gegenwartsmomente drängen. Wir können noch einmal in die untergehende Bonner Republik schauen, in all ihre Widersprüche, der Selbstgerechtigkeit, Hässlichkeit, Grauenhaftigkeit und größenwahnsinnigen Kleingeistigkeit. Nach dem im ersten Roman Angeschlossenes Sammelgebiet thematisierten Mauerfall lockerten sich die streng geschlossenen Nationengrenzen, zumindest kulturell. In der Literatur gingen Echoräume auf zu fremden Idiomen, in Sprachen von Freund und Feind.

Die Satire ist die einzige rechtmäßige Form der Heimatkunst.

Walter Benjamin

Archivarische Maulwurfsmentalität verbindet Weigoni in diesem Roman mit pointierter Gegenwartsdiagnostik. Ihm gelingt es den rheinischen Dialekt aus dem Bezugsrahmen herauszulösen und das eigenständiges Denken und Schaffen in den Vordergrund zu rücken. Entgegen anderslautender Gerüchte ist die untergegangene Bonner Republik ein noch nicht kathografierter Raum. und dieser Roman ist eine Alltagsrekonstruktionen der vermosten Bonner Republik. Wie die Jetztzeit – nach Walter Benjamin – als gewaltige Zusammenfassung der gesamten Menschheitsgeschichte begriffen werden kann, so ist die Glokalisierung in Weigonis Roman Lokalhelden eine zentrale Reflexionsfigur für die historische Entwicklung des Menschen, die immer wieder von naturhaften Gewalten heimgesucht wird. Der Verzicht auf einen stringenten Plot bietet einen Freiheitsgewinn, die Möglichkeit, Tragödie und Farce in einem Buch zu vereinen. Auf der narrativen Komposition des Erzählten liegt nicht das Hauptaugenmerk, es geht nicht primär darum geht, einen Plot im engeren Sinne zu entwickeln oder Handlungsübergänge eigens zu legitimieren.

Heimat ist eine Behauptung, ein imaginärer Ort

Olga Grjasnowa

Wenn die Rheinländer sagen: „Alles kommt irgendwann wieder.“ Damit meinen sie: „Alles Schlechte kommt irgendwann wieder.“ Der Konsumismus entfaltet sich als die Religion der Gottunfähigen. Das universalistische Ideal hat sich aufgelöst, nach der Ernüchterung herrscht im Rheinland degenerierter Moralismus. Immer wieder torpedieren Störungen und Irritationen den restlos perfektionierten Alltag. Daraus entsteht ein subtil schattiertes Bild unserer Zeit. Die rheinische Abschweifungslust kennt keine künstlerischen Grenzen, daher läßt Weigoni das Leben selbst zu Wort kommen. Was sich als Leitmotiv durch die Kapitel zieht, ist der Basso continuo der unbarmherzig verstreichenden Zeit. Relativsätze jagen Parenthesen. Das locker parlierende Erzählen und das konzentrierte gedankliche Abschweifen verdichten sich zur Parabel. Manches taucht ab und zu wieder auf, schichtet um, verzahnt sich, wie in einem Refrain oder einem Gedicht. Man muß nicht jeder Gedankenkapriole folgen, doch ist Weigonis Text pointiert, spitz und mit Vergnügen geschrieben, ihn fehlt jener verschwiemelte Bierernst, der die deutsche Literatur so unlesbar macht.

Optimismus ist ein Mangel an Information.

Heiner Müller

Der Realitätsbezug von literarischen Werken kann Segen oder Fluch sein. Weigoni beschreibt den Topos des Nichtorts als Sehnsuchtsort, das Rheinland. Er ist ein Weltgeist und gleichzeitig der Besinger von Nähe und Heimat, der mit Verve über das schreibt, was er aus eigener Anschauung kennt. Poesie jedoch kann das Unbegreifliche mit der ihr eigenen Mitteln erahnbar machen, mit Gefühl und Abstraktion dort weitermachen, wo der Verstand an seine Grenzen stößt. Lokalhelden ist somit das poetische Dokument der Auflösung des rheinischen Subjekts. Hier ist ein Erzähler am Werk, die mit divinem Skalpell alle Emotionen und Reflexionen extrahiert. Seine Satzperioden entfalten zwischen unmerklichem Vortrieb der Handlung, verborgenen Andeutungen, atmosphärischen Feinheiten und einer sich hin und her wendenden Gedanklichkeit einen suggestiven Sog. Gezielt fokussiert Weigoni einen begrenzten Weltausschnitt, um die Existenzbedingungen zu untersuchen, von denen die Rheinländer existieren.

Immer wieder denke ich ans Wesen meiner Heimat, als handelte es sich um einen imaginären Ort, ein fast schon metaphysisches Utopia. Denn das Verlassen der Heimat gibt unserer Seele Nahrung; indem wir auf einen Schlag alles verlieren, was wir kennen, erkennen wir die Heimat neu.

Rosa Yassin Hassan

Diese Prosa funktioniert wie ein Brennglas, unter dem die Zusammenhänge von Zeit– und Lebensgeschichten deutlicher zutage treten. Und im Rheinland sind diese besonders gut zu erkennen, diese aufsässige Migropole bietet die Möglichkeit, an bestimmten Schicksalen exemplarisch die Wechselfälle und Umbrüche der Geschichte zu verhandeln. Statt an der Oberfläche zu kratzen, dringt Weigoni in die Metaschichten des Rheinlands vor. Damit setzt er seinen Roman, der alle nur irgend verfügbaren Einflüße wie ein Schwarzes Loch verschlingt, ans Ende der intertextuellen Nahrungskette. Weigoni greift er eine moderne Romantradition auf, die mit Laurence Sternes „The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman“ begann und im 20. Jahrhundert von Autoren wie Arno Schmidts Gelehrtenrepublik und Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“ radikalisiert wurde. Unter praktischen Gesichtspunkten qualifizieren sich die Bewohner der rheinischen Bucht als Lebensverpasser, sie schämen sich nicht, rutschen aus einer Problemlage in die nächste und erweisen sich auf diskrete Weise als schamlos. Weigoni liefert die Nutzanwendung auf die deutsch / deutschen Zustände der Achsenzeit mit ihren anderen Verhältnissen, Ansprüchen und Toleranzen. Die Anekdoten aus dem Rheinland sind keine fiktiven Erzählungen, sie speisen sich aus realen Ereignissen. Weigoni betätigt sich als poetischer Historiograf, der Momente aus dem Almanach der historischen Situation schneidet. Er beschreibt, worum es bei den Legenden des Rheinlands geht, und will die Welt nicht mit Tatsachen verwirren.

Jeder Tag ohne Bier ist ein Gesundheitsrisiko.

Hildegard von Bingen

Im Rheinland versteht man nichts richtig. Und jeder etwas anderes. Die Bewohner der Bonner Republik sind Vertreter der flüchtigen Moderne. Trotz aller Realitätspartikel, Weigoni ist kein wirklich realistischer Erzähler, sein Schreiben findet im Rücken der Geschichte statt, und erst dort entfaltet es seine eigentliche Qualität. Er erzählt nicht einfach Geschichten, reiht vielmehr Stimmen auf, die Geschichten erzählen. Es ist eine Literatur, die gleichsam mit einem scharfen Schnitt aus einem Narrativ herausgeschnitten wirkt oder auch aus mehreren Bruchstücken aufeinandergeschichtet, ohne daß sie sich ganz zusammenfügen. Bei seiner Heimatsuche geht es diesem Romancier darum eine „bewohnbaren Sprache“ zu finden.

Ausserhalb des Ratinger Hofs existierte Düsseldorf für mich lange Zeit nicht.

Michel Decar

Die weitgespannten assoziativen Bezüge, die Weigoni aufgespannt hat, fängt der Roman in der sinnlichen und konkreten Individualität der Figuren wieder ein, ohne seine motivische Vielschichtigkeit ganz aufzuheben. Nach seinem ersten Roman Angeschlossenes Sammelgebiet fächert Weigoni das auf, was Dr. Enrik Lauer als Scharnier–Jahrzehnt bezeichnet, er macht die Zeit lebendig, läßt die Figuren leben und in angemessener Unwissenheit darüber bleiben, wie es historisch weitergeht. Die Sprache biedert sich nicht der Geschichte an, redet nicht moderner als sie war. Was bleibt, ist das Portrait von Rheinländern in der lebenshungrigen, fragilen Widerspenstigkeit ihres Eigensinns, in einem Roman, den genau diese anmutig fragile Widerspenstigkeit in seiner Prosa auszeichnet. Manchmal, wenn Weigoni ab- und ausschweift, um den Punkt kreist, wenn er lauert wie die Katze auf die Maus, wirkt der Text improvisiert, dann wieder direkt und pointiert – und immer folgt man diesem rasanten Ganzen atemlos.

Zuhause ist, wo jemand merkt, dass du nicht mehr da bist.

Alexander Hemon

Es findet sich ein charmanter Zug von Unabgeschlossenheit, Unvollständigkeit, und, wenn man so will: Essayismus. Es gibt keinen gemeinsamen Fokus, dem alles untergeordnet wäre. Es entspricht der Absicht des Romanciers, Geschichten von Menschen zu erzählen, die sich niemals begegnet sind oder sich nur sehr oberflächlich kennen und deren Schicksal trotzdem grundlegend voneinander bestimmt ist. Fehlende Einheit kann man diesem Roman oder dem Autor dennoch nicht ankreiden. Falls es noch Aufgabe der Literaturkritik sein sollte: „Wie dechiffriert man einen Geschichtenerzähler, dessen Prosa sich klaren Narrativen verweigert?“

Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt der Rhein anders zu.

Rheinisches Sprichwort

So leise und sacht wie dieser Romancier seinen Text entfaltet, so bestechend authentisch formuliert er seine Gedankenflüße. Es dürfte schwer sein, einen anderen Autor zu finden, bei dem reine Fabulierlust und unbedingter Formwille zu einer so eigentümlichen Synthese verschmelzen. Das schreibende Ich läßt sich seine Sprache nicht nehmen. Es ist Weigonis Vermögen, in wenigen Andeutungen die Ordnung von Raum und Zeit nachhaltig ins Wanken zu bringen – und mit solchen Verstörungen der Sinne ein poetisches Bild zu schaffen für die brüchige Existenz und die Unbehaustheit. Weigoni demonstriert, wie die Erzählung der Rheinländer aus dem Erzählten ausbricht. Mehr als Raum-Zeit-Ordnungen interessieren Weigoni Beziehungsfelder und Aggregatszustände, sein Roman ist ein minuziöses Protokoll einer von Wahrnehmung und Wirklichkeit, Bewußtsein und Gewißheit, Erinnerung und Geschichte. Die Lebensgeschichten im Rheinland über halbfertige Leben fransen an zu vielen Enden aus.

Wer kein Bier hat, hat nichts zu trinken.

Martin Luther

Weigoni setzt das gesamte In­strumentarium des modernen Romans ein und alle Stimmungslagen dazu. Er benutzt Dokumentarisches,  ruft mit gelungenen Bildern den Rhythmus der Bonner Republik auf und mit geschickt arrangierten Episoden die Provinzialität und Miefigkeit der Zwischenkriegszeit. Dieser Romancier präsentiert ein Figurenmosaik, dessen Gesamtbild den Aggregatzustand der Orientierungslosigkeit der alten BRD beschreibt und bis in die verlängerte Gegenwart deutet. Er ist ein Archäologe, mit dem Unterschied, daß seine Fundstücke meist noch leben, von der Welt oft nur vergessen sind. Diesem Vergessen tritt er in diesem Roman nachhaltig entgegen. Er kann ironisch und sarkastisch sein, aber auch existenzialistisch-ernst und sogar sentimental. Dieser Roman ist keine einfach nachzusingende Melodie, sondern eine sehr vielstimmige Symphonie – eine Vielstimmigkeit, der man sehr gern folgt.

Der große Fehler zu Anfang der neunziger Jahre bestand darin, aus dem Bankrott des Kommunismus mechanisch auf das Verschwinden des Antikapitalismus zu schließen.

Marcel Gauchet

Weigoni ist ein Meister des langen, eleganten, eher ausschwingenden als ausschweifenden Satzes und so anschaulicher wie überraschender Metaphern und Sprachbilder. Er liebt das Detail, ohne es auszuwalzen und präsentiert dem Leser realitätsgesättigte Miniaturen. Sein ästhetisches Verfahren verleiht dem Roman den Charakter von großer Sinnlichkeit, die an keiner Stelle gewollt oder aufdringlich wirkt. Seine Poetik ist eine des Möglichkeitssinns. Dieser Roman ist eine atemberaubende Fallstudie über das Kollabieren überkommener Weltanschauungen, er bietet ein dynamisches Geflecht von Erzählperspektiven, Fiktions- und Darstellungsebenen. In Form innerer Monologe und Erinnerungen entfaltet sich die Existenz- und Identitätsproblematik der Protagonisten. Der Generalbass all dieser Einzelgeschichten heißt seelische Not. Für den Autor der Lokalhelden hat die europäische Aufklärung den in ihr verborgenen, emanzipatorischen Vorrat aufgebraucht. Er erkundet, wie die Mechanismen der Ausgrenzung in Gewalt umschlagen können, ohne die Naivität der Wohlwollenden gutzuheissen. Aber er hegt leise Sympathien für die Rheinländer, entdeckt Widerstandspotential in der Unbedarftheit. Hier ist ein episch breites gesellschaftliches Panorama der „Dekade“ zwischen dem 9. November 1989 und dem 11. September 2001 zu lesen, in dem Lebensentwürfe, Sehnsüchte, politische Haltungen und ökonomische Strategien sich aufbauen, aufeinanderprallen und als schillernde Seifenblase zerplatzen.

Was bedeutet Fremde/Fremdsein, was macht „Heimat“ aus, wo fühlen sie sich zugehörig, die jungen, international mobilen und multikulturell bewanderten BewohnerInnen der globalisierten Welt, gibt es eine Identität und wenn ja, was ist das?

Ulrike Schuff

Das Rheinland steht für Weigonis Deutschland, was Amerika einmal Bruce Springsteens Wasteland war, ein Ort von magischer Trostlosigkeit. Die Summe der Provinzen und der Lebensträume, die sich in den Ebenen verlieren. Jede Station dieser topographisch gestützten Erinnerung und fast jeder historische Exkurs tragen dazu bei, daß die Figuren und ihre spannungsvolle Beziehung besser greifbar werden und zusehends Gestalt annehmen. Mit sprachlicher Konsequenz und inhaltlicher Stringenz überzeugen diese Lokalhelden; in der geschickt mäandrierenden Erzählstruktur setzen demaskierende Formulierungen Akzente. Die Qualität der Sprache, die diesen Roman auszeichnet, ihre Bildhaftigkeit und rhythmische Dichte, sind bedingt durch eine sich erzählende Geistesgegenwart. Diese Rheinländer handeln so logisch und widersprüchlich wie es echte Menschen tun.

Die Penetranz der Waren macht den Flaneur zum Streuner und ist der Grund für die Fluchtförmigkeit seines Umherstreifens. In Umgebungen ohne Diskretion kann es Flaneure nicht mehr geben.

Wilhelm Genazino

Im falschen Ganzen der Bonner Republik kann es keine richtigen Teile geben. Als Psychohistoriker der alten BRD beschreibt Weigoni das Leben im Rheinland, als eine einzige Misere. Es ist ein Durchwursteln unter Lebensumständen, die für die Rheinländer eine einzige große Überforderung darstellen. Und doch gilt, sich nur nichts anmerken zu lassen. Diese Lebensvermeider, egal ob es sich mit Prolls, Kreative oder Intellektuellen, mogeln sich regelrecht um über die Zumutungen des Alltags herum. Weigoni schafft es sich mit mit dieser Prosa mit dem Undurchdringlichen in eine Verbindung zu setzen, die eine vage Hoffnung auf den unzerstörbaren Eigensinn des Rheinländers übrig läßt. Der Lebensdurst ensteht in der „Alkstadt“ aus dem Scheitern am Verstehen der Welt, tröstet die Rheinländer trösten sich mit einem „lekker Obergärig“ über ihr eigenes Unverständnis hinweg. Literatur kann die Widersprüche nicht auflösen, die Spannung zwischen Realität und Wunsch bleibt nach der Überwindung des Rausches unüberwindlich vorhanden.

Heimat ist da, wo die Rechnungen ankommen.

Wim Wenders

Die Prosa mutet bisweilen wie ein sprachliches Bildbelichtungsverfahren an, durch das etwas wie eine ‚Poesie der letzten Bilder‘ entsteht. Weigoni erschließt eine Sinneskulture und erkundet die Wissenstopographie des Rheinlands. Dieser Romancier beobachtet scharf und unaufdringlich. Seine dem Leben abgelauschten Figuren hat er mit sonderlichen sprachlichen Eigenheiten und Marotten ausgestattet, ihnen groteske Attribute und sprechende Namen verliehen, in denen sich Charaktereigenschaften und physiognomische Merkmale aufs Tragikomischste abbilden. Entstanden ist so eine Ansammlung der verschrobensten Gestalten des Rheinlands, die Komik entsteht nicht auf Kosten dieser Population, sondern transportiert sich mit ihrer Hilfe. In puncto Format, Personnage, Darreichungsform und Stil sitzt bei Weigoni der rheinische Maßanzug wie angegossen.

Literatur ist das Gegenteil von Polemik. Literatur befreit die Sprache, Polemik missbraucht sie.

Peter Stamm

Hier findet eine Art von Heimatkunde statt, die nicht auf dem Lehrplan für die erste Stufe des Geographie- und Geschichtsunterrichts steht. Heimat ist etwas ist, das man sich selbst schaffen muß, sie wird für die Rheinländer erst zu einem Wert, wenn Ferne oder Exil als ein drohendes Schicksal oder als ein realisierbarer Alptraum aufscheint. Die Frage ist, ob wahre Heimat immer eine Heimat der Geburt, der Wurzeln oder des Ursprungs sein muß oder ob auch eine Wahl-Heimat nicht eigentlich eine authentische Heimat sein kann. Die Do-it-yourself-Haltung von Punk verband sich etwa auf der Ratinger-Straße mit Hedonismus und Ironie, mit linkem Bewusstsein und Theorieseligkeit. Im Schatten der Kunstakademie verschwendete man seine Jugend und sonnte sich im Bewusstsein des eigenen guten Geschmacks. Sprachkritik, Sprachzersetzung, Sprachexperiment und Sprachspiel sind die Mittel, durch die dieser Schriftsteller vom Rande des Kulturbetriebs her die Tradition angreift, was die Invasion des Imi durchaus nahelegt.

Heimat ist nicht gleich Landschaft, aber ohne Landschaft keine Heimat.

In einer Mentalitätsgeschichte der alten Bundesrepublik tritt dieser Romancier  ganz hinter seine Figuren zurück, seine Gabe der Stimmenimitation ist furios. Mit den Lokalhelden erforscht er die Mythologie des Rheinland, die fiktive, phantasmagorische zweite Haut, die über der Haut des Realen flimmert. Das physische Rheinland, das Weigoni beschreibt, ist durch die Globalisierung verloren gegangen, das macht das gespensterhafte Überdauern dieser Geografie nur umso unheimlicher. Das Buch ist eine herrliche Miscellanea, in welchem Kapitel immer man blättert, liest man sich gleich fest. Dieses literarische Gemisch ist bei aller Vielschichtigkeit trotzdem relativ gut lesbar. Allerdings hat man zwischendurch immer wieder den Eindruck von verloren gegangenen Handlungssträngen, Figuren, die nicht mehr auftauchen und kleinen Geschichten, deren Ende man niemals erfahren wird. Es werden zahlreiche Stile, Erzählstränge und Perspektiven miteinander verknotet, gegenseitig gespiegelt und zu konterkariert. Diese Lokalhelden mischen sich tief in die Wirklichkeit des Leserlebens. Das Rheinland ist ein Labyrinth in dem sich jeder auskennt. Dieser Roman ist ein zeitkritisches Sittengemälde. Das Gesehene entstammt dem Alltag, zeigt ihn anders als gewohnt, während die Texte die Bilder durch Verweise auf Historie, Literatur oder Erlebnisse unterfüttern. In einem breit angelegten Wimmelbild erzählt Weigoni diese Wegmarken nicht chronologisch, sondern eher archäologisch.

…mit dem Wörtchen Däh (wir sagen sogar: Däh da!) Wo sind die Eifelkrimis all gut für, wenn die Affen keine einzig mal Däh! sagen! muß das von Düsseldorf ausgehn? auf geht’s Duden!

HEL

Wir dürfen nie vergessen, daß das, womit wir argumentieren, nicht unsere wirkliche Literatur ist, Literatur ist immer das, was sich dem konkreten Zugriff entzieht. Literatur hat den Deutschen nach dem 2. Weltkrieg den Mut geschenkt, hat der Stimme der Bürger ein Forum gegeben oder hat das, was als Bevölkerung gedacht war, neu formuliert. So wie das Theater, die bildenden Künste und die Musik versucht die Literatur, die Innenwelt des Menschen greifbar und spürbar zu machen – vor allem akzeptierbar. Wenn es die Literatur und die schönen Künste nicht gäbe, wären die Deutschen innerlich wahrscheinlich total verzweifelt und sehr einsam. Sie hätten keinen Kanal, um ihre Innenwelt sprechen zu lassen. Dieser Romancier verarbeite bereits in seinem ersten Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet die Gesellschaft, die ihn umgeben, als wäre sie das Glossar ihrer Ära. So besehen ist sein zweiter Roman gleichfalls ein Epochenroman, auch wenn er lediglich das sogenannte ‚Scharnierjahrzent’ zwischen dem 9. November 1989 und dem 9. September 2001 umfaßt.

Nach dem Untergang der DDR, ein verlöschen der BRD

Die Idealisierung der Vergangenheit ist meistens nicht mehr als infantiles Wunschdenken, mit dem man sich um die Verantwortung für sein Leben zu drücken versucht. Die imperiale Lebensweise beruht im rheinischen Kapitalismus auf einer Art gesellschaftsstabilisierendem Kompromiss zwischen den Interessen der Herrschenden und breiteren Schichten der Bevölkerung. Die sie kennzeichnende Art des Produzierens und Konsumierens ist tief in das allgemeine Bewußtsein, die alltäglichen Verhaltensweisen und die Subjektprägungen eingeschrieben. Sie beruht darauf, daß ihre zerstörerischen Folgen auf andere Regionen der Welt verlagert werden. Nostalgie ist auch deshalb gefährlich, weil man dazu neigt, die eigene Erfahrung zu generalisieren. Als ‚die beste Ära’ gilt dann meistens die Zeit, in der man selber jung war. Lokalhelden ist kein abgeklärtes Spätwerk, sondern ein Buch der Unruhe, in dem es pocht, tickt und raschelt, in dem die neuen Wahrheiten als Widergänger der alten auftreten und die alten Wahrheiten bei sinkender Sonne auf ihren Bestand hin befragt werden. Die Fermente guter Lektüre wirken langsam.

Vincent van Gogh. Still Life with Pottery, Bottles and a Box. Mittig: der Mostert.

Einwandern ins eigene Leben

Das Unergründliche und das nur allzu Simple liegen im Rheinland oft nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Die Zeichen der Dekadenz und moralischer Verkommenheit sind im Rheinland offenbar. Weigoni zeichnet mit den Lokalhelden Figuren, die ihr Leben nicht aktiv in die Hand nehmen und darum, sich im Wortsinn auch nicht schuldig machen an den Ereignissen. Er fängt damit die Agonie dieser Spezies ein, die Rheinländer werden  vom Schicksal mutwillig herausgeworfen aus ihrem Alltag, und ihre Schuld besteht darin, die Kraft zum Widerstand nicht aufgebracht zu haben. Manche sehen in diesem Romancier den letzten Polyhistor; manche heben aber auch seinen Dilettantismus hervor. Der Leser hätte Probleme, wenn er bestimmen müßte, welcher Wissenschaft Weigoni zuzurechnen sei. Ist er Anthropologe? Ethnologe? Historiker? Psychologe? Vergleichender Religionswissenschafter? Soziologe? Politologe? – Er ist alles das und doch keines davon.

Die Konstruktion eines literarischen Textes setzt uns in bestimmter Weise ins Verhältnis zur Wirklichkeit.

Peter Weiss

Die schöpfende Kraft fließt hier aus einer radikalen Entgrenzung und aus Widerstandsbestrebungen gegen erstarrte Gesellschaftsformen heraus. Das Denkerische der Argumentation, hier in Form eines interessanten Paradoxes nachvollziehbar, stellt die Qualität des Buches dar, das aufgrund dieses klaren Blicks auf Nuancen auch nicht ins Satirisch-Karikaturistische abrutscht, sondern bei seiner Sache bleibt. Seine Kenntnisse sind bewundernswert, staunenswert ist aber auch sein Mut, alles, was nicht unmittelbar zu seinem Thema gehört, einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen. Seine Literatur erfrischt und verfeinert die Sinne durch eine Ermutigung. Sie zeichnet nicht allein Formen des Hörens, Riechens, Schmeckens vor, jenseits der uns umgebenden Abgedroschenheit. Sie beweist uns: Nicht unsere Wahrnehmungen sind eingeebnet in Pauschalisierung, die Dinge sind unverbraucht.

Erinnerungen sind Phantomschmerzen der Seele

Gute Fiktionen vermögen verborgene Zusammenhänge herzustellen und neues Licht auf ein scheinbar bekanntes Geschehen zu werfen. Weigoni erzählt er aus dem zerrissenen inneren Deutschland heraus. Diese Bruchstücke aus dem Hinterland sind so montiert, daß das Leben im Rückblick nicht in unzählige Einzelbilder zerfällt. Die Fragmente sind so zusammengefügt, daß sie dort Sinn stiften, wo doch alles ohne Folgerichtigkeit geschehen ist. Es sind Versuchsanordnungen, in denen die Regeln der Wirklichkeit durchbrochen werden. Man lent Figuren kennen, die vor ihren eigenen Unzulänglichkeiten davon laufen. Das beginnt mit Fitnesswahn und endet in ihren Sexualitäts– und Liebeswelten. Das Rheinland ist eine Gesellschaft, die einen Qualitätsstandard an Körperlichkeit und Liebe legt, es ist zwangsläufig eine Gesellschaft der Enttäuschung und Frustration sein. Weigoni verwandelt die Rheinländer zu Typen, die so wirken, als seien sie immer schon da gewesen.

Dampf, der im Pöbelhirn entsteht

Die Lokalhelden sind sich der Unzerstörbarkeit in ihrer Aurs zu selbstgewiß. Weigoni legt in seinen Erzählungen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz frei. Dieser Romancier versteht etwas von den Lebensverhältnissen seiner Figuren, zeichnet sie zärtlich und engagiert sich geduldig, unsere Welt zu verbessern. Ästhetik, Moral und Emotion finden bei Weigoni zu einem Dreiklang zusammen, wie er in der zeitgenössischen Literatur viel zu selten vernehmbar ist. Sein Schreiben richtet sich eindeutig gegen die Beschleunigungsmechanismen einer Gegenwart, die das spektakuläre Ereignis zelebriert und in Rekorden schwelgt. Einst war die Muße das vornehmste Gut des Menschen, an ihrer Stelle haben sich die postmodernen Konsumgüter eingehandelt, das Tempo und den wachsenden Zeitmangel.

Prinzip der Nichtlinearität – Dekonstruktion der traditionellen Romanform

Die Lokalhelden atmen denselben drängenden Ton wie die Figuren in Abgeschlossenes Sammelgebiet. Aus den Suchbewegungen der frühen Prosa ist eine bravouröse Versuchsanordnung mit Figuren im Sog des Zeitgeistes geworden. Manches gerät zum Balanceakt zwischen kluger Parodie, Gesellschaftssatire und Pornografie. Gegen das Verschwinden der Wirklichkeit, dem Siegeszug des Vulgären und die Herrschaft des Technischen, schreibt Weigoni unermüdlich an. Sein Plädoyer für eine Organik des Daseins, für Präsenz und Dauer gewinnt im Rückzugsraum Rheinland an Plausibilität angesichts des rasenden Stillstands einer Gegenwart, die mittlerweile alle Sinnressourcen leerplündert. Die Freiheit, das eigene Leben zu wählen, ist universell. Fakt ist nur, daß man diese Freiheit niemandem aufzwingen kann. Die Rheinländer haben seit dem 2. Weltkrieg genügend Evidenz dafür gesammelt, daß diese Strategie nicht funktioniert. Es braucht  bei den Lokalhelden noch nicht einmal einen narrativen Vorwand, man erfreut sich an alltäglichen Phänomenen der Natur und des Grossstadtlebens. Mit einer entspannten Haltung zum Historischen widmet sich Weigoni detailverliebt der Kunst des Bierbrauens und den Rheinländern, die sich ihren Weg durch das urbane Gewusel bahnen. Weit ab davon ein Ideologe zu sein, kommt es diesem Romancier nicht auf das literarische Gelingen, sondern auf die Inszenierung der Sinngebung des Sinnlosen an. Aus der Offenheit seines Schreibens heraus, gewinnt das weltanschauliche Anliegen die Überzeugungskraft.

 Die Welt ist zerbrochen, sie ist in eine Reihe von winzigen Teilen zersplittert, und es geht darum, das Puzzle wieder zusammenzusetzen.

Jacques Rivette

Schneider Wibbel, Photo: Sippel

In Lokalhelden gelingt es ihm, einen vielstimmigen Echoraum zwischen individueller und kollektiver Erinnerung aufzuspannen, der durch sublime Querverweise auf eigene und fremde Werke vervielfacht wird. Hinter den einzelnen Stimmen seiner Erzählfiguren gibt es noch eine tiefere Schicht. Die Musik dieses Romans vermittelt genau dieselbe Vielstimmigkeit aus geschwätzigen Oberstimmen und einem fast unhörbaren und trotzdem eigentümlich präsenten Basso continuo. Die Sprachmusik des Rheinlands ist polyphon. An einigen Stellen, die sich aus dem Zusammenspiel der Stimmen ergeben, erzeugt sie – selbstverständlich nur für einen Moment – einen hinreißenden Klang, der nach tonaler Harmonie klingt. Dieses autonome Kunstwerk arbeitet keiner thematischen Setzung in die Hände, sondern trägt seinen Grund in sich selbst. Dieser Romancier beschreibt mit liebevoller Ironie die die ganze Unerheblichkeit des sogenannten Lebens im Rheinland. Er kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen und dabei ziemlich weit, ihm gelingt ein bestechend konzentriertes und dichtes Porträt einer im Lähmung verharrenden Gesellschaft.

Heimat, das ist sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit.

Martin Walser

Dieser Roman ist keine Story nach dem Prinzip des Linearen. Eine narrative Stringenz wird von Weigoni in diesem Roman explizit verweigert. Die Prosa geht aus Strudeln hervor. Sie entsteht in einer Werkstatt der Momentaufnahmen und Bilder, der assoziativen, leicht deliranten Verknüpfung von Orten, Zeiten, Erinnerungen und Episoden, die der Werkstatt von Lyrikern ähnlich ist. Diese Prosa ist gleichzeitig erfahrungsgesättigt und bildungsgetränkt, alltagsmythologisch und gedankenverspielt. Souverän bewegt sich Weigoni zwischen Erinnerung und Erfindung, Realismus und Imagination, Melancholie und Utopie, Komik und Katastrophe. Jeder Rheinländer hat das Recht, an der universalen gesellschaftlichen Ordnung teilzunehmen, unabhängig davon, wo er oder sie in der gesellschaftlichen Hierarchie steht. Egalitarismus ist gegen jede Form des Korporatismus gerichtet: Nicht deine Stellung im Gesellschaftskörper bestimmt deine Lebenschancen, sondern dein Handeln, dein Denken, dein Leisten.

Diese Gegend hat mich kaputt gemacht und ich bleibe so lange, bis man ihr das anmerkt.

Herbert Achternbusch

Weigoni hat einen intellektuellen Scharfsinn, der gerade vor dem Alltäglichsten nicht haltmacht, und die sprachliche Genauigkeit und Assoziationskraft des erfahrenen Lyrikers, dabei mischt er in irrlichternder Weise das Banale mit dem Grandiosen, das Luftige mit dem Tiefen und das Witzige mit dem Todernsten, in einem Wirbel von Imaginations-, Realitäts- und Erregungszuständen, schließen sich Kunst und Leben kurz oder besser: lang – zur Endlosschlaufe. Mit leichter Hand, keckem Herz und kühlem Kopf spielt dieser Romancier auf der Klaviatur von Erzählen und Beschreiben, Überhöhen und Verrätseln, Ironisieren und Zitieren, Provozieren und Philosophieren. Literatur wird wieder zu einem Medium der Verwandlung, wenn Weigoni eine Darstellungs- und Denkform liebt, dann jene der Aporie und der Paradoxie.

Schriftsteller sollte man nie persönlich kennenlernen.

Arno Schmidt

Literatur funktioniert wie der Rest der Welt: Sie ist rein, edel und unbestechlich – solange sich die Verfasser dies leisten können. Wenn man sie jedoch aushungert, wühlen die Autoren genauso tief im Müll wie jeder andere Penner auch. Ihre Erzählfantasie hilft, uralte Geschichten neu abzumischen. Alle Formen von Wirklichkeit, das Große und Ganze, das Historische und das Körperliche, werden so sehr als zweifellos angesehen, wie sie ohne einander als trivial oder absurd angesehen werden. Es sind die Verwerfungen der Gesellschaft, die sozialen Spaltungen und ökonomischen Paradoxien – und die Verknotungen, die sich daraus für die Psychen der Rheinländer ergeben. Geschichte ohne Menschen und Menschen ohne Geschichte. Wahrscheinlich kann man daher sagen: In einer Wirklichkeit zu leben ist ebenso unmöglich, diese Wirklichkeit zu beschreiben. Der rheinische Dialekt ist ein Sprechen, das die Gedanken der Figuren eher spürbar macht und zeigt, als sich an grobe Aussagen zu verlieren. Das Spiel mit der Sprache eröffnet diesem Romancier die Möglichkeit von Variationen und neuen Akzentsetzungen, wobei die Intensität des Erzählflusses sich gleich bleibt, als folgte das Reden einem alles absorbierenden, rasanten Bewusstseinsstrom. Diese subtilen und emphatischen Erkundungen des Rheinlands berichten von Begegnungen mit Landschaften und mit Menschen, sie verdichten solche Erfahrungen zu genauen Impressionen, die nun wiederum Zeugnis geben von heiterer Neugier, von großer Achtsamkeit und kluger Beobachtung.

Radschläger-Skulptur vor dem Uerigen. Photo: Alice Wiegand

Zoologie des Menschen und – ganz speziell – die des Rheinländers

Die Rheinländer erleben das Leben als Zusammenprall konkurrierender Fiktionen, sie stolpern irgendwie bemüht durch ihre Zeit. Diese Lokalhelden erzählen ihr Leben als eine Kette von Pleiten, weil sie glauben, das humanisiert eher als die Einsamkeit der Triumphe, an die sie sich kaum erinnern können. Sinn ist nicht per se gegeben. Wirklichkeit ist eine Konstruktion. Jede Erzählung, mit der man sich selbst in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft positioniert, ist eine Fiktion. Das Spiel mit historischer Faktizität und Fiktion verweist auf Grundfragen des Erzählens: Wie das Erzählte inmitten einer vermeintlichen Realität seinen eigenen Wahrheitsraum schaffen kann, wie Erfundenes das verborgene Wirkliche ans Licht bringt, wie Weigoni seine Figuren in in kaleidoskopischer Vereinzelung eingefangen hat und im Text agieren läßt – und sich diese Typen auf verschiedenen Ebenen überlagern und verbinden. Es ist eine Poesie, die nicht Wissen und Zeit rafft, um daraus narrative Spannungsbögen zu schlagen; sondern eine Literatur, die sich alle Zeit nimmt, die sich eine eigene Zeit schafft, in der sich die historischen Zeichen und Spuren verdichten und dann wieder verlaufen.

Heimat ist, wo noch niemand war.

Ernst Bloch

Die Bonner Republik gleicht einem Staubecken für Schicksalsgetriebene. Das Gestern ist hier schockgefrostet, nach der Abwicklung der DDR soll der nächste Plan realisiert werden: die Beseitigung der alten BRD. Die Rheinländer misstrauen den grossen Erklärungen, freuen sich an den kleinen Fortschritten, die sich da und dort trotz allem abzeichnen – und bleiben dabei heitere Skeptiker. Sie sind Strategen, sowohl der ständigen Selbstneuerfindung als auch der Geschmacksverirrung. Die Spannung zwischen Weltformat und unabschließbarer Reflexivität ist für sie nur schwer zu ertragen. Der einzige Grund in diesem Landstrich zu überleben und nicht in den lächerlichen Ritualen, aus denen sich sowohl Sein als auch ihr Alltag zusammensetzen, ist die abgründige Simplizität. Das sogenannte ‚Scharnierjahrzehnt’ zwischen dem 9. November 1989 und dem 9. September 2001 erscheint in diesem Roman als etwas, das jederzeit seine Präsenz, seine Schärfe und seine Umrisse zu verlieren droht. In der Sprunghaftigkeit des Romans zerspringt nicht nur das homogene Erzählen, sondern das Leben zu dieser Zeit selbst. Beides zuweilen bleibt ohne Struktur, nicht nur das erzählte Fragment. Gegen diesen Verlust schreibt dieser Analytiker des Untergangs an, mit Leidenschaft und Sturheit und der ihm eigenen Radikalität. Es ist der Versuch eine hochkomplexe, zersplitterte Welt wieder in die kohärente Erzählung einzufangen.

Das Lächerliche ist schrecklich, und das Schreckliche ist lächerlich.

E.T.A. Hofmann

Im Rheinland ist niemand wirklich frei, daher versucht es diese Spezies ihr ganzes Leben, es zu werden. Das Rheinland als Heimat ist kein abstraktes Konstrukt, kein Gegenstand der Debatte, sondern etwas sehr Konkretes. Oder wie Heinrich Böll bereits in einem anderem Zusammenhang geschrieben hat „Das ist ein Heimatroman, wie alle Romane, in denen Menschen zu Hause sind.“ Heimat ist aber auch ein ein Kaleidoskop mit blinden Flecken und damit begegen wir uns auf die Handlungsfelder für eine historische Realität, präziser: dem Zeitraum zwischen dem 9. November 1989 und dem 11. September 2001. Dieser Roman ist ein Wortkunstwerk im engeren Sinn. Wie in seinem ersten Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet gestaltet Weigoni das Verhältnis von Wirklichkeit und Erzählen komplex, die Kunst provoziert die Realität – und die entsprechenden Rückkopplungsstösse werden zu einem Experiment über performative Sprechakte. Die rheinische Sprachfantasie ist gelegentlich wichtiger als Handlung. Dieser Roman ist eine Versuchsanordnung, sie erzählt von einer Wartesaalstimmung nach dem Ende der ‚Bonner Republik‘ und trifft damit das Gegenwartsempfinden. Durchaus in der Tradition von Heinrich Heines ironisch–satirischer Komik, die vor allem mit der Verschiebung von Sinnzusammenhängen und den darauf folgenden pointierten Schlußfolgerungen arbeitet, deckt Weigoni unter der Oberfläche fest zementierte stereotype Verhaltensmuster und scheinheilige Moralvorstellungen der alten BRD auf. Dabei macht er nicht vor tradierten Rollenbildern halt und lässt ein facettenreiches des Rheinlands entstehen. Beschwingte Unterhaltung ist das nicht, es ist eine Literatur, das man aushalten muß, um sie geniessen zu können.

Evolution der rheinischen Moral

Ihr kritisches Potential entfaltet diese Prosa überwiegend im Verborgenen, wo subtil Vorurteile, Rollenklischees und überkommene Erziehungsmassnahmen anklingen. Hier verknüpfen sich die unterschiedlichsten Elemente: Historie, philosophische und literarische Anspielungen sowie unzählige Zeichen und Rätsel. Obzwar im Rheinland aufgewachsen ist es Weigoni nie gelungen, die Landeshauptstadt des Bindestrichlandes als ’seine Stadt‘ zu empfinden, daher vermeidet er in seiner polyphonen Konstruktion jede Pathologisierung dieses Typus, denn mit Soziophobie hat das nichts zu tun. In diesem Roman beweist er ein ungemein scharfes Gespür im Aufdecken und pointierten Verbalisieren der rheinischen Überheblichkeit, seine Schmähungen treffen so pointiert, daß man ihn zu seiner Zielsicherheit beglückwünschen möchte. Statt der Eindeutigkeit wählt dieser Romancier die Poesie. Er holt sie nicht aus Stimmungen, sondern aus dem geduldigen Entfalten von Widersprüchen, er präsentiert mit den Lokalhelden perforierte Literatur, die Fiktion dokumentiert ihre Herstellung, die Wirklichkeit ihre Fiktionalisierung. Man kann dies als Toleranzedikt begreifen, das freilich das Fremde nicht durch Assimilation und Eingemeindung gewinnen will, sondern umgekehrt durch klare Differenzierung, und das heißt, durch Anerkennung der Andersheit des Fremden. Ihre Existenz ist eine Lebensvermeidungsmaßname. Die Rheinländer sind zu Lebzeiten Hinterbliebene, dieser Roman ist ein berührendes Dokument des Standhaltens gegenüber dem unbarmherzigsten Autor, der uns alle richtet: der Zeit. Nach der Welt und dem Ich, nach dem Text und dem Bild nun die Beziehung. Das Dazwischen. Welt ist im Rheinland alles, was Dazwischen ist.

„Was ist das für eine Welt, in der wir leben? Und wer ist überhaupt „wir“? Und wie kann davon erzählt werden?

Zur guten Schluß eine Rückblende. Auch Weigonis erster Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet spielt in einer Zeit des Übergangs. Die Rheinländer zerbrechen fast an der Widersprüchlichkeit ihrer Gefühle und ihrer Ideale. In der Bonner Republik haben sie gewagt von einer besseren Welt zu träumen, nun müssen sie aus ihrem Traum erwachen. Das Rheinland wurde zu einem anti-genealogisches Experiment, in dem die wachsende Asymmetrie zwischen Herkunft und Zukunft eine Legitimitätskrise in sämtlichen Lebensverhältnissen geschaffen hat. Improvisation dringt ein in alles, was vormals ständisch und stehend zu sein schien: von den Geschäftsbeziehungen zu den erotischen Transaktionen, von den kulturellen Ereignissen zu den biografischen Mustern, vom Karneval zu den religiösen Praktiken. Die zeitgenössischen Selfmade-Existenzen, die nicht mehr zurück, sondern nur noch nach vorne schauen, nehmen dabei, wie die pervers normalisierte Praxis der Schuldenumwälzung, einen Kredit auf die Zukunft, den sie durch kein Bestehendes mehr decken können. Ansonsten gibt es kaum Gewißheiten. Man schaut gleichsam mit einem Brennglas zu, wie die Spezies Mensch ihrem metaphysischen Leid preisgegeben ist. Diese Romane eröffnen Möglichkeitesräume und dieser Raum hat in beiden Fällen ein Hinterland. Am schönsten ist das Rheinland als Versprechen, weit weg – mit Idylle und Harmonie will sich Weigoni in den Lokalhelden nicht aufhalten. Er leistet sich im Absturzmilieu des Rheinlands nur so viel Einfühlung, wie nötig ist, um zu erkennen:

Wegschauen ist zwecklos!

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Kaiserpfalz, Burgruine in Kaiserswerth, Photo: Secular mind

Die Rheinländer existieren in dem Wissen, daß sie eines Tages aufhören zu sein. Und so versuchen sie, gegen die Zeit zu rebellieren. Wie Liebende fühlen sie sich zur unerreichbaren Vergangenheit hingezogen, zu imaginierten Erinnerungen, zur Nostalgie. Seit 1989 sind auch sie ein Angeschlossenes Sammelgebiet und sehen sie die Umbrüche und die Unsicherheit vor sich. Gleichzeitig werden die herkömmlichen menschlichen Mittel untergraben, mit solchen Unwägbarkeiten und mit der Unvermeidbarkeit ihres Sterbens umzugehen. Die Zukünfte, die sie für wahrscheinlich halten, erfüllt sie mit Angst, das läßt sie hilflos zurück, macht uns wütend und anfällig für die gefährlichen Rufe von Scharlatanen, Fanatikerinnen und Xenophoben. Sie verlieren den Mut, und in unserer Niedergeschlagenheit werden wir gefährlich. Religion wird für politische Ziele zweckentfremdet, damit spirituell entleert, und die Idee einer einheitlichen Nationalität wird von der Tatsache wachsender Hybridität in Frage gestellt. Weigoni zeichnet ein düsteres Gegenbild zu den hellen Selbstentwürfen der alten Bundesrepublik. Er sucht stattdessen die dunklen Winkel auf, die Altstadt, die Betonwüsten. Dort findet er den Abgrund, der in die alte BRD weist – und am Abgrund sind die Rheinländer am Eindrucksvollsten. Seit der sogenannten Wende sind die Rheinländer keineswegs einem gesellschaftlichen Fatalismus und Determinismus unterworfen ist, sondern vielmehr selber dem Zwang einer vorauseilender Resignation.

Die erste Pflicht der Musensöhne

Ist, daß man sich an Bier gewöhne.

Wilhelm Busch

Das Rheinland ist ein Lebenskatalog voller Skurrilitäten, dem entspricht der Roman, er ist voller Pointen, Überraschungen und karnevalesker Heiterkeit. Diese Typen sind Helden eines streng verwahrten und verwarteten Lebens. In den Lokalhelden verknüpft Weigonis eine Überlegungen zum widerständigen Subjekt und welche Konsequenzen sich aus Normverweigerung und Repressionsabwehr ergeben. Es ist eine Gegenüberstellung von entindividualisierter Gesellschaft und den einzelnen Opfern. Da sich die Schrecken des 20. Jahrhunderts im einundzwanzigsten perpetuieren, hat das Lebensgefühl, das aus ihm spricht, an Berechtigung nichts verloren. Es sind elliptische Erzählbewegungen hinein ins Auseinanderstreben von menschlichem Handeln und natürlicher Ordnung, in das große Nebeneinander von Bewußtem, Unbewußtem und Bewußtlosem. Und er fügt es zu jenem Ganzen zusammen, in dem vielleicht nicht alles seinen Sinn, doch zumindest seinen Platz hat. Es sind die Leser, welche die abgerissenen Stimmen und die Wahrheit zusammensetzen, um das Bild einer vergangenen Geschichte des alten Bonner Republik zu erkennen. Kein vernünftiger Mensch wird sich wünschen, in einem Buch zu enden, in diesem Rheinland würde man gern leben wollen. Was diesen Roman groß, wahr und schmerzhaft macht, ist, daß hinter dem deformierten Sprechen und Fühlen wirkliche Menschen stecken, die Herzen haben – und seien sie noch so vereist.

Man muß das Mögliche wahrscheinlich machen und das Wahrscheinliche möglich.

Jean-Luc Godard

In diesem Roman stellt sich ein Gefühl von Gelassenheit ein, die die absurde Komik des Alltags sprachlich adäquat zu fassen sucht. Der Plot ist nicht alles. Bröckelnde Ideologien und untergehende Feindbilder verlangen nach differenzierteren Antworten. Die Vergangenheit läßt ihnen keine Ruhe, egal wie sehr man sie verschweigt, umdeutet, unterdrückt, oder vielleicht auch, weil die Vergangenheit aus den heimlichen Erinnerungen zu verschwinden droht. Das Coole und das Kaputte überlagern sich im Rheinland ebenso wie das Reale und das Fiktive. Dieser Landsstrich ist die perfekte Nachbildung einer unvollkommenen Welt, es ist jedoch zugleich ein verwunschener, geradezu furchterregender Ort. Hier kann die Revolte nur in den Karnaval münden. Das Leitmotiv ist die Mikroskopierung, der genaue Blick auf soziale Gefüge. Worte werden zu einer Geschichte und machen es möglich, sich auf sich selbst und zugleich auf die anderen zu beziehen. Dieser Romancier stellt die Künstlichkeit des Rheinlands Welt konsequent aus, macht dabei immer wieder bewusst, daß jede Geschichte etwas Gebautes ist, füllt sie zugleich aber derart geschickt mit Affekten, daß diese selbstreflexive Ebene die emotionale Wirkung des Romans niemals beeinträchtigt.

Die Realität ist nicht mehr konsenspflichtig.

Niklas Luhmann

Dieser Romancier weiß um die Schattenseiten von Vernunft und Fortschritt. Seine Versuche, dem Verstand ein Schnippchen zu schlagen, sind ein Vergnügen. Am Ende dieser Entschlüsselungsliteratur findet man den Menschenkenner nicht in der Tradition des Misanthropen oder gar Zynikers wieder, vielmehr erweist er sich als Humanist. Das Rheinland ist nicht heiter, aber Weigonis Sinn für Komik ausgeprägt. Er beobachtet äußerst präzise und bedient sich einer zwischen Lakonie und lyrischen Ausschweifungen pendelnden Sprache. Die Rheinländer geben ihr Geheimnis weiter, weil sie merken, daß sie es nicht mehr bewahren können. Aber als jemand mit einem sprühendem Humor, mit der er  scheinbare Alltagsbanalitäten mit surrealistischen Einschüben verbindet. Weigoni inszeniert den Auftakt seines Romans mit der lässigen Sicherheit eines Pokerspielers, der einen Royal Flush in der Hand hält; und am Ende der Partie gehen beide als Gewinner vom Tisch: der Autor wie der Leser.

Photo: Rainer Driesen

Die Vernunft ist der Glaube an etwas, das man ohne Glauben verstehen kann; doch bleibt es noch immer ein Glaube, denn verstehen setzt voraus, daß es etwas Verstehbares gibt.

Fernando Pessoa

Das Rheinland ist ein Biotop für Randexistenzen aller Art. Grölende Bierplautzen-Männer trifft man in der „Alkstadt“ ebenso, wie Yuppies und die Intelligenzia aus der Kunstakademie. Diese Buch ähnelt einer Stadt und man würde das Rheinland nicht kennenlernen, wenn man nur die Hauptstrasse rauf und runter läuft, man muß die Nebenstrassen und die Seitengassen auch besuchen, nur so bekommt man eine Ahnung von dem, was das Rheinland wirklich ist. In der Bonner Republik entfaltet sich in der Ära einer Verfallsgeschichte ein abgründiges, doch humorgetränktes Gesellschaftspanorama. Es ist ein Roman der Diskontinuitäten, von ungleichzeitigen Beziehungen, die auseinanderbrechen, weil in ihnen für Entwicklungen kein Platz ist. Gefangen sind sie alle Rheinländer in sich. Dies wird mit soziologischer Genauigkeit und psychologischem Tiefgang beschrieben. Weigoni häuft Charaktere und Orte an, historische und erfundene Ereignisse, Nachrichten und Halluzinationen, und sein mimetischer Versuch geht auf: Chaos lässt sich durch literarisches Chaos wiedergeben.

Als  Trivialmythen-Erforscher verbindet Weigoni souverän Hoch- und Populärkultur

Die Hervorhebung der Lust an Literatur verbindet sich bei Weigoni mit dem Interesse, die Kluft zwischen ästhetisch moderner Elite– und konventionsgebundener Massenkultur aufzuheben. Die Gründlichkeit, die er bei seinen Recherchen an den Tag legt, spiegelt sich in einer fast schon anthropologischen Genauigkeit, mit der er die von ihm so benannte Hypermoderne beschreibt. Den Glauben an ein wahres, inszenierungsfreies Selbst nennen sie im Rheinland ein gut florierendes Gerücht. Die globalisierten Menschen wickeln ihr untotes Leben ohne viel Hoffnung in Wohnsitzlosigkeit ab. Es geht um Verlierer, um das Dasein an den Rändern sowohl der Gesellschaft als auch der eigenen emotionalen Landschaften, um ein Einsamsein, das sich nicht alleine auf eine persönliche Befindlichkeitskrise zurückführen läßt. Kommunikation ist das, was helfen könnte, aber nicht funktioniert. Zu stark sind die Einschreibungen in die Lebensläufe. Einen Text zu verstehen heißt, die Welt zu verstehen, und umgekehrt, es geht Weigoni nicht nur um Bücher, es geht ihm um die Lesbarkeit der Welt.

Was ist das Erlebte und was die Erinnerung, was ist authentisches Bild und was Konstrukt, was vermag Sprache davon wiederzugeben?

Alle Rheinländer stellen Typen dar, nicht Personen. Ihre ganze Fröhlichkeit ist nur Fassade, hinter der sich Angst verbirgt. Weigoni schildert dies in umwerfend komischen, häufig alkoholgetränkten Szenen, die alle dank ihrer klugen Selbstreflexion einen Nachhall erzeugen. Das ist Literatur, die die Euphorie des Rausches und die Vorahnung eines schmerzhaften Katers gleichermassen vermittelt. Ihr Leben setzt sich aus Zukunftshoffnungen und Erinnerungen zusammen, in ihrer Gegenwart bleibt oft etwas Unerklärliches und Unwirkliches. Es geht Weigoni in diesem Roman nicht um eine Wahrheit, die einen objektiven Anspruch erhebt, auch nicht um kollektive Erinnerungen, die er im Nachhinein anklagen, verteidigen oder erklären will. Er will lediglich darstellen und dafür findet dieser Romancier genau die richtige Sprache. Das alles ergibt ein intimes Porträt einer Zeit, eines Ortes und seiner vorbeiziehenden Menschen. Finale Gewissheiten existieren im Rheinland nicht, weder aus inhaltlicher noch aus ästhetischer oder psychologischer Perspektive. Man einigt sich hier meist auf ein: „Wahrscheinlich ist es so gewesen.“

Ein Kunst- und Lebenswerk, zusammengeschweißt aus Authentizität

Was sich bei seinem lyrischen im Schuber andeutet, wird bei seiner Prosa zur Gewissheit, es ist ein wurzelartig wucherndes Netzwerk. Nicht nur ihr Inhalt ist ihm wichtig, sondern dazu die Form, die Ausstattung, die Typografie und das Papier. Dieser Romancier nimmt von der Ideologie des Verbrauchertums Abstand, es gibt für ihn nicht den geringsten Grund, Zugeständnisse an den Mainstream zu machen. Es ist eine schneidend intelligente wie bitter-ironische Reflexionsprosa. Weigoni verwendet das rationale Zeichensystem der Sprache ähnlich wie ein Komponist, dadurch sind Dinge schreib– und sagbar, von denen man vorher nicht dachte, daß es sie gibt. Großartige Bücher liest man nicht, um sie zu verstehen. Es geht nie um Verständnis. Die Bücher, die interessant sind, sind Bücher, die man auf den ersten Klick nicht versteht. Bücher, die dem Leser viel abverlangen. Bücher, die den Leser zwingen sich mit dem auseinanderzusetzen, was man nicht weiß. Bücher, die dem Leser etwas von außen Kommendes erfahren lassen. Die Fiktion des Rheinlands bildet die Erweiterung einer Welt, die so einheitlich und einfach wie gedacht nie war, was sich aber erst in ihrer Überlagerung mit anderen Versionen zeigt. Was sich in den Vignetten sacht andeutete, über Schicksale und Handlungsstränge die Weigoni in den Zombies ausgelegt und in Cyberspasz zusammengeführt hat, wird in seinen Romanen zu Gewißheit, hier entsteht ein Lebenswerk, das im glattgeföhnten Literatur-Betrieb wie ein Solitär funkelt.

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Lokalhelden, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2018 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.

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Coverphoto: Jo Lurk

Lesenswert auch das Nachwort von Peter Meilchen sowie eine bundesdeutsche Sondierung von Enrik Lauer. Ein Lektoratsgutachten von Holger Benkel und ein Blick in das Pre-Master von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert Hintergrundmaterial. Ein Kollegengespräch mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein Recherchematerial ausbreitet. Constanze Schmidt über die Ethnographie des Rheinlands. René Desor mit einer Außensicht auf die untergegangene Bonner Republik. Jo Weiß über den Nachschlüsselroman. Margaretha Schnarhelt über die kulturelle Polyphonie des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen Heimatroman der tiefsinnigeren Art. Als Letztes, aber nicht als Geringstes, Denis Ullrichs Rezensionsessay.