Weihnachtsmarkt

Dieser Tage haben die Städte aufgerüstet, an jedem möglichen Laternenpfahl sind oberhalb jeglicher Erreichbarkeit Lichterketten oder Lichtbilder angebracht. Teilweise stammen diese noch aus den sechziger Jahren, sind Zeichen des damaligen Wirtschaftswunders und geben ein Bild einer gewesenen Zeit. Geben Bild einer heutigen Gesellschaft, die offensichtlich vor allem in einigen Dörfern noch gar nicht mitbekommen hat, dass es die 68er irgendwann gab und die nachfolgenden 70er und 80er…

In manchen Städten ist man auch wirklich einfallsreich und lässt diese Weihnachtsdekorationen dann von den gewerbetreibenden Geschäftsleuten installieren. Das garantiert eine stete Aktualisierung nach den neusten Bedürfnissen. Dabei ist es oft erstaunlich, auf welche Möglichkeiten die Ladenbesitzer dabei stoßen. Tatsächlich hatte Herr Nipp in der Nähe seines Lieblingsbahnhofs neben einem sogenannten OUTLET STORE (der schöne Begriff Fabrikverkauf klingt weniger werbeträchtig) des Abends ausgemacht, dass eine ganze Gruppe von uralten Lebensbäumen, die inzwischen die beträchtliche Höhe von rund zehn Metern erreicht hatten, mit einem bläulichweißen dichten Lichternetz überzogen worden waren. Vor dem dunklen Himmel ein wirklich wunderbares Bild, wie eine Lichtskulptur, die eine seltsame Erinnerung weckte. Vielleicht ein wenig zu opulent, aber Werbung nun mal alles.

Noch am Tag zuvor war er in der inzwischen erträglichen Stadt Siegen gewesen. Nicht mehr ganz so grau wie noch vor zwanzig Jahren und mit Bewusstsein für Geschichte und zeitgenössischer Provinz-Kunst. Klar, mit großen Namen schmückte man sich mit Hilfe des Rubens-Preises. Man muss den besonderen Charme schon wirklich lieben, um immer wieder mal hier einzukehren. Anders gesagt, muss man wohl eine besondere Beziehung zu den Menschen haben, die dort wohnen. Hier wird das R noch gerollt, so dass man manchmal den Eindruck haben kann, mit Amerikanern zu sprechen, die äußerst schlecht Deutsch gelernt haben. Wie erstaunlich ist es dann, wenn man plötzlich gewahr wird, dass es sich um Siegerländer Mundart handelt. In der Umgebung werden Biere gebraut, die ihren ganz eigenen Geschmack haben, z.B. Eichener. Ja, hier in dieser Stadt kommen zum Jahresende immer richtig nette Menschen zusammen. Feiern ihren Kunstwechsel, zeigen neue Arbeiten und schwelgen in Erinnerungen an das gemeinsame Studium. Vor allem aber stellt sich diese von einigen Idealisten organisierte Institution als wichtige Kontaktbörse dar. Man kennt sich zum Teil und lernt vor allem weitere Leute kennen, mit denen man vielleicht mal was machen kann. Herr Nipp freute sich jedes Mal, wenn dieser Kunstwechsel auch tatsächlich stattfand. Immer in einer anderen Lokalität. Gerade leer stehenden Gebäuden oder solchen, die demnächst wohl abgerissen werden würden. Da macht es nichts, dass ein Jahr in einer ehemaligen Zentralbank Kunst gezeigt wurde, dann mal in einer alten Schule, alten Fabrik, einem alten Kaufhaus. Nun also in einem ehemaligen Möbelhaus, riesige Flächen, die bestückt werden müssen. Versteigerung, Party, einfaches Flanieren. Glückliche Menschen, die das Spiel lieben, die Improvisation ist vorbestimmt, Programm. Zusammenfassend gesagt ein künstlerischer Weihnachtsmarkt.

 

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.