Zwischen Rhein und Ruhr und Niederrhein

An Jesus kommt keiner vorbei … außer Stan Libuda!

Joh 14,6

Der Rheinländer ist immer verliebt: In sich selbst und in die Welt, das ist fast dasselbe. Was oft so sehr nach Selbstliebe aussieht, ist in Wahrheit Liebe zum Leben. Der Rheinländer gibt gern etwas davon ab. Gerade weil der Rheinländer sich selbst so gern hat, suhlt er sich auch so gern in der Mitmenschlichkeit. Ich bin sicher, der Rheinländer braucht die Religion, natürlich die katholische, nur als belebende dialektische Gegenposition. Seine Moral leitet er aus rheinischem Frohsinn ab. Leiden will er nur, wenn Lustgewinn dabei herausspringt.

Auf Anhieb kann ich sagen, dass ich Niederrheiner (auch im Plural!) durchaus schätze, der Rhein verbindet, und die Niederrheiner haben da unten (Norddeutsche Tiefebene …) noch mehr Rhein als wir, sie wohnen wirklich an einem Strom, während wir uns quasi an die sieben Hügel eines appenninisch-alpinischen Ausläufers anlehnen.

Im Schatten des großen Bruders Köln genießen wir, die wir südlich der Benrather Linie leben, in Bonn die Früchte des nördlichsten Weingebiets von Rang (gegenüber am Drachenfels Weißwein, und ein paar Kilometer südlich der rote Ahrwein) und ruhen uns aus vom Ruhm als Hauptstadt der Bonner Republik. Hier ist tiefstes Rheinland – Düsseldorf lassen wir auch noch gelten, Alt und Kölsch und Pils vertragen sich gut – hier reifen die Menschen wie der Wein im goldenen Oktober, hier kredenzt ein großes Volk der Mitwelt seine Beerenauslese, Jahrgang für Jahrgang charaktervollen Geschmack nach der Devise Et kütt wie et kütt un Et hätt noch immer jood jejange.

Ich war am Dienstag auf Schalke. Was mich am meisten dort rührte, war das großartige Bergmanns-Lied, das die Schalker Knappen zu 55.000 im Chor singen:

Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt.

|: Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, :|

|: schon angezündt’ :|

Schon angezündt’! Das gibt ein Schein,

|: und damit so fahren wir bei der Nacht, :|

|: ins Bergwerk ein :|

Ins Bergwerk ein, wo die Bergleut’ sein,

|: die da graben das Silber und das Gold bei der Nacht, :|

|: aus Felsgestein :|

Der Eine gräbt das Silber, der and’re gräbt das Gold,

|: doch dem schwarzbraunen Mägdelein, bei der Nacht, :|

|: dem sein wir hold :|

Ade, nun ade! Lieb’ Schätzelein!

|: Und da drunten in dem tiefen finst’ren Schacht, bei der Nacht, :|

|: da denk’ ich dein :|

Und kehr ich heim, zum Schätzelein,

|: dann erschallet des Bergmanns Gruß bei der Nacht, :|

|: Glück auf, Glück auf! :|

Ich hatte fast Tränen in den Augen. Wieder einmal flossen Selbstliebe und Mitliebe ineinander. Ja, der Rheinländer ist kosmopolitisch durch und durch. Und der Westfale, der in der Kindheit unserer Republik den Wohlstand der Bayern und Schwaben finanzierte und aufbauen half, der hat ein großes und gerades Gemüt, das mir auch während des Spiels gegen Arsenal London auffiel. Als Schalke Nuhl fieher mit 0:2 zurücklag, stimmten die Fahnen schwingenden Fans an: Steh auf, wenn du ein Schalker bist! Und das ganze Stadion steht auf. Das ist Liturgie! Religion direkt am Ball.

 

***

Lokalhelden, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2018 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.

Erhältlich über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Coverphoto: Jo Lurk

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