kritik und postulat

25. Juni 2018
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der band von tom de toys, geboren 1968, enthält manifeste und essayistische texte, die zwischen 1990 und 2014 entstanden sind, wobei die manifeste teils gedichtform haben. gegner intellektueller lyrik finden hier vielleicht ihre unfreude.

lateinisch manifestus bedeutet handgreiflich, sichtbar, deutlich, offenbar, augenscheinlich, spätlateinisch manifestātio offenbarung.

gleich der erste text ist erich fromm gewidmet, dessen »Haben oder Sein« de toys, neben anderem, beeinflußt haben könnte. mitunter fühlt man sich an die manifeste der surrealisten erinnert. auch bezieht er erkenntnisse der neurobiologie und gehirnforschung ein. »ich hatte das sprechen dank meiner eltern gelernt und das schreiben dank meiner lehrer. das denken mußte ich mir selbst beibringen. und dieses denken sollte ein sprachkritisches sein, denn meine fragen kamen nicht aus dem wasser, sie kamen direkt aus meinem gehirn!«, heißt es. viele der gedanken wirken essayistisch.

Essayist ist man, weil man ein Kopfmensch ist.

Roland Barthes

de toys fordert einen »tabulosen tiefgang« jenseits von vulgärmaterialismus und dualismus. immer wieder kritisiert er entfremdungen und verflachungen der vorherrschenden lebensunddenkformen, wobei es auch ironische passagen gibt. »tagsüber zerstören − abends verzweifeln − nachts vergessen − / morgens wieder verdrängen − und weiter geht das spiel …«, schrieb er bereits 1990, »nichts kann die realität verändern solange nur das reale gilt.« 2004. 2014 konstatierte er: »Sowohl wissenschaft als auch kunst und spiritualität dienen nicht mehr der direkten selbsterfahrung und selbsterkenntnis, sondern nur noch als symbolistische kommunikationssysteme zur legitimierung von datenflüssen, die unsere identität von außen definieren.«. 2006 mutmaßte er: »es kommt der tag an dem die uhren nicht mehr ticken.« vielleicht geschieht jedoch auch das gegenteil und manche uhren ticken noch nach der existenz des menschen. einstweilen bleibt die erkenntnis, daß symbolistische substantive vielfach sinnliche sachen ersetzen: »Wer ohne SOZIALE SYMBOLE lebt, fällt durch die maschen des neurotischen netzes und landet im abseits, das kein heiliges jenseits bereithält: die echte, primäre realität im diesseits ohne dualistische abschreckung

eines der nachdenklichsten gedichte ist für mich »1. Antitouristisches Manifest« von 1999, das so beginnt: »kein einziger mensch möchte austauschbar sein / als tourist wirst du abgefertigt wie alle / kein einziger mensch möchte heimatlos sein / der tourist verläuft sich im unbekannten / kein einziger mensch möchte einsam sein / der tourist geht in der masse unter / kein einziger mensch möchte wichtiges verpassen / die touristen JAGEN durch das angebot / kein einziger mensch möchte fehl am platz sein / die touristen müssen sich ständig in szene setzen / kein einziger mensch möchte belogen werden / als tourist kennst du nie den wahrhaftigen wert / kein einziger mensch möchte falsches SAMMELN / touristen kaufen vorsichtshalber alles / kein einziger mensch möchte abhängig sein / als tourist läßt du dich pausenlos abfüllen«. wer nicht vertieft, muß sich auch nicht verbreiten.

historisch betrachtet sind urlaubsreisen sublimierte nachfolgeformen von völkerwanderungen und kriegszügen. das zeigen auch die wortbedeutungen. mittelhochdeutsch reise bedeutete aufbruch, zug, reise, heereszug, kriegszug, und reisen eine reise tun, reisen, vor allem aber einen kriegszug unternehmen, ins feld ziehen, plündern, rauben. reisiger nannte man im mittelalter die berittenen krieger und später landsknechte. reisic meinte, bezogen aufs berittene und bewaffnete kriegsvolk, kriegsbereit, gewappnet, gerüstet sein. die erscheinungsformen der eroberungen und trophäen haben sich freilich verändert.

in den sechziger, siebziger jahren des 20. jahrhunderts war »Tourist« auch ein schimpfwort. im sommer 2015 hätte man sagen können »Tourist oder Flüchtling, das ist hier die Frage.« der flüchtling will der not entkommen, der tourist sich selber wichtig vorkommen. als ägyptische terroristen 1997 nahe der tempelanlagen von luxor 58 westliche touristen erschossen, dachten andere europäer und nordamerikaner, die einige hundert meter entfernt standen und die ermordungen beobachteten, man würde dort einen spielfilm drehen und das schießen gehöre zur filmszene. die touristen verwechselten also das reale mit dem inszenierten, während selbstmordattentäter, und ähnlich amokläufer, beides genau umgekehrt vertauschen. und irgendwie passen diese irrtümer aufgrund ihrer seitenverkehrheit sogar zueinander.

kritik und postulat gehören bei tom de toys zusammen, dessen gedanken häufig einen programmatischen ansatz haben. reflexive und missionarisch anmutende passagen wechseln einander ab. das permanente postulieren, inbegriffen die vielen ausrufezeichen, könnte auch folge von glaubensprägungen sein, die der autor zugleich zu überwinden versucht. hierzu paßt das wort intention, das seiner vehemenz entspricht.

intention ist verwandt mit deutsch intensiv sowie lateinisch intēnsus = heftig, stark, gespannt, aufmerksam und intentiō = gespanntsein, spannung, anstrengung, vorhaben, absicht, sorge, sorgfalt, anklage, beschuldigung. vor allen idealisten steht,

sofern sie nicht früh zugrundegehn, die frage, ob sie ihren heißen utopischen kern abkühlen können, ohne selber zu erstarren. jedes idealistische denken hat die neigung, das leben zu vergeistigen, das dann, aus dem seelenerleben heraus, das von äußeren zwängen absehen kann, wieder versinnlicht werden muß, wofür de toys vorschläge macht, indem er auf die eigene innere stimme hört.

der kritik am vorgefundenen folgt nach 2000 zunehmend die suche nach alternativen.

die tendenz geht dabei vom intellektuellen zum meditativen. er ermutigt zu einem ganzheitlichen sinnlichen leben, wobei er anmerkt: »Wir müssen die stelle in unserem bewußtsein erst finden, wo sich DAS GANZE überhaupt denken lässt!«, sowie zur bewußtseinserweiterung aufruft: »Ab heute nenne ich nur noch NORMAL, was die Unendlichkeit des Universums ins Denken UND Handeln mit einbezieht! Darunter tun wir’s nicht mehr! Dazu lieben wir das Ganze zu sehr…« und »der mensch möchte der bodenlosen unruhe der bewegung des seins entkommen und projiziert seine sehnsucht nach erlösung in eine metaphysische urruhe anstatt zu versuchen, IN SICH SELBST als bewegte materie zu ruhen, indem er sich mit dem verbündet, was ihm sowieso am allernächsten ist: dem augenblick als totales, immerwährendes fließendes jetzt, absoluter moment der vergänglichkeit, der einen niemals im stich lässt, weil man darin schwimmt wie ein molekül in seinem eigenen kraftfeld.« ganzheitliche erfahrungen, wahrscheinlich die ursprünglichen, die entgrenzungen verlangen, sind oft grenzerfahrungen, die auch schmerzhaft sein können. der buchtitel ist ziemlich optimistisch gedacht. man darf heute bezweifeln, daß sich der mensch schon bis zum 23. jahrhundert grundlegend geändert hat und eine humane menschheit entstanden ist.

jede wahrheit sei größer als ihre theorie, heißts bei tom de toys.

die eigentliche geschichte besteht im ungelebten. utopien halten ungelebtes lebendig. und nur permanente alternativen verhindern notbremsungen der geschichte. wenn der mensch nicht mehr wert wäre als seine wirklichkeit, gäbe es kaum einen grund zum überleben. der analytiker kann nur kritiker des bestehenden sein, wenn er visionen vom anderen hat. wer indes aus der analyse des zustands der welt geradewegs ein programm entwickeln wollte, müßte die menschheit abschaffen. humanität und skepsis bedingen einander. die skepsis ist die andere seite des idealistischen anspruchs. die größten irrtümer der gebildeten sind ihre hoffnungen. zugleich haben idealisten die funktion, das unheil der andern zu verschönern. was das eine jahrhundert utopisch vorwegnimmt, realisiert das nächste, als verflachung oder perversion. der mensch muß immer mehr bewahren, woran er nicht mehr glauben kann.

 

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Metamotivation ist möglich, Manifeste und Antiprosa von Tom de Toys, Books on Demand, 2014

Weiterführend

Lesen Sie gleichfalls die Würdigung dieses Autors.

Gerade erschienen: NEUROSMOG, Abgrundtiefe Weltroutine (43x Poplyrik 2011-2015) die sogenannten „Düsseldorfer Gedichte“ von Tom de Toys. BOD 2018

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