Generative Sozialromantik

“Ich kann das nicht mehr hören,” denkt Herr Nipp. “Du wirst auch immer empfindlicher,” meint sein Gesprächpartner, ein junger Künstler, der seinen so ganz eigenen Weg geht und dabei immer wieder Mittelpunkt unfreiwilligen Humors wird; sympathischer Kerl mit ganz eigenem Blick, auch auf die Welt.

Er kann es nicht mehr hören, wenn die Leute über die Notwendigkeit von Reformen in unserer Gesellschaft sprechen. Sie erwarten dabei nichts anderes, als ein Einschreiten der Politik in die individuellen Strukturen. Es müsste aber ein Wandel einsetzen – auf Ebene der gelebten Gesellschaft. “Wir machen das doch irgendwie, was die anderen fordern. Ihr genießt das doch auch hier, oder nicht?” “Sie sehen das aber nicht,” meint ein weiterer anwesender Künstler, zieht beiläufig an seiner duftenden Pfeife.

Der älteste dieser drei Freunde hat eine Tasche geschultert, als wolle er bald abhauen, dabei scheint er noch nicht einmal gemalt zu haben. Die Kleidung ist völlig fleckenfrei. Das kennt Herr Nipp gar, wenn er einen Besuch im Atelier macht. Des Einen Kleidung ist dann normalerweise alt. Dem Nächsten gefällt es, wenn er in Alltagsklamotten arbeitet. Den Dritten interessiert das alles erst gar nicht. Die Künstler wollen einfach arbeiten und jeder hat dabei seine Rituale. Der Männer und Damen Kleidung gehört sicherlich dazu. Den Sachen ihren Ort. Die meisten Kleidungsstücke findet man auf Stühlen.

“Haben wir das auch durchgehechelt.” “Was?” “Die ganzen Fälle, die noch zu bearbeiten waren, die Artikel, die hier herum liegen?” “Ich verstehe gar nichts.” “Eigentlich würde ich auch viel lieber mit euch über die Arbeiten sprechen, die ich aufgehängt hatte. Kommt bitte mal mit.” Wenn drei Männer gemeinsam ein Atelier betreten und über Arbeiten sprechen wollen, kann dies zuweilen durchaus zu Komplikationen führen. Dann kann es passieren, dass der eine zeigen will, wie viel er über den anderen steht und die anderen wollen dem in nichts nachstehen. Hier aber nicht. Sie schauen sich ernsthaft die Arbeit an, frotzeln freundlich fleißig und kommen letztlich zu einer besseren Lösung, die der Arbeit gerecht wird. Ein Teil wird vom Rest getrennt, abgesondert hinter Glas gestellt. Die drei Männer lachen, sind glücklich, dabei erscheinen sie Außenstehenden so unterschiedlich, drei Generationen. Altersunterschied zwischen den Künstlern: 41 Jahre.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.

 

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