Zehn nachhallende Jahre

Coverphoto: Leonard Bliiecke

Der Ton macht bekanntlich die Musik, auch wenn es in Weigonis Gedichtband Letternmusik eher die Buchstaben und Gedanken sind, die allerdings laut verlesen schon im Präludium mit dem Zweifel spielen. „als er“ (der Gedanke) „sich aus/gesprochen hatte/stellte er fest/das er revidiert werden musste“. Und so hebt er die lyrische Sichtweise des jeweils ersten Verses oft schon im nachfolgenden wieder auf.

Im I. Akt des lyrischen Polydrams in fünf Akten  startet der wortgewaltige Autor „Stuermisch bewegt“ und lüstern in die Erotik der Worte und Wortspiele, immer wieder auf der Suche nach Grenzen, um diese übergehen und hinter sich lassen zu können.

In seinen Gedichten sucht er dem lyrischen Selbst offenbar einen Weg, der ihn dennoch stets der Entfremdung näher bringt.

Im II. Akt versucht er es vor allem verhaltener und findet zu eher schwebend meditativ wirkenden Versen.  Dabei geht ihm folgerichtig auf, dass „sich nicht rechnen“ lässt, „was wirklich zählt“. Aber auch „die Reste des: Sinns“ werden  unter Einsatz eines „Phrasendreschpflegels“ lautmalend „schmachhaft schmatzend“ verzehrt.

Dem entgegen geht es im III. Akt „flatterthaft“  zu. Wild galoppierd geht es an „Stahlgetuerm“ vorbei und über „Wurzelgewirr“ zu Ozeanen, Meeren, zu deren Überresten und zu einem Ort „über dem Abgrund der marginalisierten Coolness“. In „nächtlicher Zwiesprache“, „wenn das Du kein Gegen über mehr für das Ich sein kann…“„& immer wieder das marmorne Mondgesicht betrachen“ muss, wird es mühsam und gar schmerzhaft mit der Selbstbegegnung.

„Presto, ein ResisDansé“ in Akt IV lässt Wohlstandsmüll zum Himmel stinken, greift u.a. Probleme Obdachloser, von Asylanten und Vogelfreien auf und stellt fest, „die Automobilmachung der Maschinengesellschaft“ habe begonnen.

Schließlich endet der V. Akt „Rondo, Allegretto“ im „Postludium“ mit „einer endlosen Vorläufigkeit…“

A.J. Weigoni gelingt es einmal mehr ein sprachgewaltiges „Bühnenwerk“, versehen mit stimmigen musikalischen Metaphern und mit kraftvollen Rhythmen zum Klinge zu bringen.

Als genauer Beobachter, den offensichtlich keine Fassade aufzuhalten vermag, sieht er durch Oberflächen hindurch und inszeniert die Welt dahinter und darunter.

Ein Werk, das, wenn es denn für die Bühne geschrieben wäre,  sich sowohl als Straßentheater als auch für große bildungsbürgerliche Opernhäuser eignen würde. Für diese allerdings eher, um das Publikum gehörig zu verunsichern.

Ein gut neunzig Seiten umfassendes „Textbuch“ über zehn nachhallende Jahre (1985 -95) für lyrikbegeisterte Leserinnen und Leser, die nicht nur ihr sprachliches Vokabular erweitern möchten sondern sich auch gern auf die Suche nach dem Sinn hinter dem Sinn begeben.

Leider ist Letternmusik als Einzelausgabe vergriffen, sie ist 2017 mit der Gesamtausgabe der Gedichte Weigonis erhältlich.

 

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Der Schuber, Werkausgabe der sämtlichen Gedichte von A.J. Weigoni. Edition Das Labor, Mülheim 2017

Die fünf Gedichtbände erscheinen in einer limitierten und handsignierten Ausgabe von 100 Exemplaren. Mit dem Holzschnitt präsentiert Haimo Hieronymus eine handwerkliche Drucktechnik, er hat sie auf die jeweiligen Cover der Gedichtbände von A.J. Weigoni gestanzt hat. Bei dieser künstlerischen Gestaltung sind „Gebrauchsspuren“ geradezu Voraussetzung. Man kann den Auftrag der Farbe auf dem jeweiligen Cover direkt nachvollziehen, der Schuber selber ist genietet. Und es gibt keinen Grund diese Handarbeit zu verstecken.

Alle Exemplare sind zusammen mit dem auf vier CDs erweiterten Hörbuch in einem hochwertigen Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erhältlich.

WeiterführendMehr zur handwerklichen Verfertigung auf vordenker. Eine Würdigung des Lyrik-Schubers von A.J. Weigoni durch Jo Weiß findet sich auf kultura-extra. Margeratha Schnarhelt ergründelt auf fixpoetry die sinnfällige Werkausgabe. Lesen Sie auch Jens Pacholskys Interview: Hörbücher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters. Einen Artikel über das akutische Œuvre,  mit den Hörspielbearbeitungen der Monodramen durch den Komponisten Tom Täger – last but not least: VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grundsätze seines Schaffens beschreibt.

Hörbproben → Probehören kann man Auszüge der Schmauchspuren, von An der Neige und des Monodrams Señora Nada in der Reihe MetaPhon.