Vice versa

Als ich mir die große Baselitz-Ausstellung ansehe, stelle ich mir vor, Schlange wäre wieder bei mir, und ich male mir aus, was sie mich beim Anschauen der Bilder fragen würde.

Mir gefällt Baselitz immer besser, würde ich sagen. – Aber, würde Schlange fragen, warum sind denn die Bilder alle falsch herum aufgehängt? – Sie sind umgekehrt gemalt!, würde ich antworten, die Bilder sind wie ich, sie stehen nicht mit beiden Beinen auf der Erde, sondern auf dem Kopf. Oft fällt die ganze Gestalt, oder sie schwebt. Schweben und Fallen, das ist unsere ganze Existenz. – Eigentlich, würde Schlange sagen, müsste Baselitz seine Holzskulpturen mit dem Kopf nach unten aufhängen. – Siehst du, würde ich sagen, da bin ich konsequenter als er. – Grandios! Das bildest du dir nur ein! – Weißt du, Schlange, sage ich, die Bilder von Baselitz heben meine Einsamkeit auf, mir ist, als habe ich dich nicht verloren. – Findest du das wirklich, ist es nicht gerade umgekehrt?

 

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Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann, Kulturnotizen 2016

In den Schlangegeschichten wird die Dialektik der Liebenden dekliniert. Ulrich Bergmann schrieb mit dieser Prosafolge eine Kritik der taktischen Vernunft, sie steht in der Tradition der Kalendergeschichten Johann Peter Hebels und zeigt die Sinnlichkeit der Unvernunft, belehrt jedoch nicht. Das Absurde und Paradoxe unseres Lebens wird in Bildern reflektiert, die uns mit ihren Schlußpointen zum Lachen bringen, das oft im Halse stecken bleibt.

Further reading →

Eine Einführung in die Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier.

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