Conditio sine qua non

Schlange, sage ich, ich liebe dich, ich will mit dir zusammenleben. – Ich auch, sagt Schlange, ich liebe dich auch. – Wo ziehen wir hin?, sage ich, zu dir will ich nicht. – Zu dir will ich auch nicht, sagt Schlange. – Wir nehmen uns eine große Wohnung, sage ich, da passen wir beide rein mit unseren Sachen. – Das geht nicht, sagt Schlange, ich will keine so teure Wohnung, da fehlt uns das Geld für unsere Reisen im Sommer und im Herbst und im Frühling, du weißt, ich geh so gern essen mit dir und sitze so gern neben dir und deinem Espresso unter den Bäumen der Stadt. – Gut, sage ich, wir werden uns einigen. Du bist mir wichtiger als alles andere. – Ich bestimme die Möbel, sagt Schlange. – Gut, sage ich, und ich bestimme die Bilder, die wir aufhängen. – Ich bestimme die Wände, wo du deine Bilder aufhängst, sagt Schlange, die schrecklichen Asvany-Bilder kannst du in dein Arbeitszimmer hängen, die Bilder von Eberhardt will ich aber nirgends. – Wir nehmen mein Porzellan, sage ich, meine Gläser, mein Besteck. – Gut, sagt Schlange, wir nehmen beides, mein Porzellan und dein Porzellan, meine Gläser und deine Gläser, mein Besteck und dein Besteck. – Und meine Teppiche!, sage ich. – Gut, sagt Schlange, deine Teppiche, aber mein Bett! – Gut, sage ich, dein Bett und mein Bett! – Wie, sagt Schlange, du willst mit mir leben, aber nicht mehr mit mir zusammen schlafen? – Doch, sage ich, mein Bett nehme ich nur, wenn du wieder so schnarchst. – Hallo, sagt Schlange, ich schnarch doch nicht. – Ich sag ja nur, sage ich, wenn! – Na gut, sagt Schlange, dann nimm dein dummes Bett mit. Dann kann ich dich rauswerfen, wenn du mich störst. – Wir brauchen nur noch ein Auto, sage ich, nicht zwei, wir nehmen meins. – Gut, sagt Schlange, dein Auto. – Dann haben wir alles geklärt, sage ich. – Nein, sagt Schlange, die Fotoalben, die mache dann ich. – Was!, sage ich, mein ganzes Leben lang habe ich die Fotos in die Fotoalben geklebt, das kannst du mir nicht nehmen! – Entweder – oder, sagt Schlange. – Du willst doch nicht alles an diesem einen Punkt scheitern lassen?, sage ich. – Ich nicht, sagt Schlange, sondern du! – Schlange, sage ich, ich stelle dir keine so fiese Bedingung! – Hör zu, sagt Schlange, wenn du dich schon in dieser für mich so entscheidenden Existenzfrage nicht mit mir einigen kannst, wie soll das dann erst bei den alltäglichen Dingen aussehen!

 

 

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Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann, Kulturnotizen 2016

In den Schlangegeschichten wird die Dialektik der Liebenden dekliniert. Ulrich Bergmann schrieb mit dieser Prosafolge eine Kritik der taktischen Vernunft, sie steht in der Tradition der Kalendergeschichten Johann Peter Hebels und zeigt die Sinnlichkeit der Unvernunft, belehrt jedoch nicht. Das Absurde und Paradoxe unseres Lebens wird in Bildern reflektiert, die uns mit ihren Schlußpointen zum Lachen bringen, das oft im Halse stecken bleibt.

Further reading →

Eine Einführung in die Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier.

 

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