Der Orpheus des deutschen Sozialismus

30. Dezember 2015
Von

Die Welt ist beschrieben kein Platz mehr für Literatur

Wen reißt ein gelungener Endreim vom Barhocker

Das letzte Abenteuer ist der Tod

Ich werde wiederkommen außer mir

Ein Tag im Oktober im Regensturz

 

Über einen Schriftsteller wird unterschiedlich geschrieben, zum einen in der Zeit, in die er hineingeboren wurde, und zum anderen in der Nachbetrachtung. Der Herausgeberin Kristin Schulz ist ein neuer Blick zu verdanken, sie hat die hinlänglich bekannte Lyrik mit Funden aus dem Heiner-Müller-Archiv (Akademie der Künste, Berlin) großzügig ergänzt. Die Herausgeberin hält sich an die Chronologie der Entstehung. Vom Aufbau- zum Kinderlied der 1950er Jahre, vom Liebes- zum Widmungsgedicht, von Ballade und Sonett zum Lehr- und Prosagedicht, vom Autorkommentar bis zum Antikentext der 1990er Jahre – dieser Band versammelt erstmals Müllers sämtliche zu Lebzeiten und postum veröffentlichten Gedichte, dazu Texte aus dem Nachlass, in chronologischer Reihe. Eröffnet wird der Band durch den einzigen zu Lebzeiten erschienenen Lyrikband. Daran schließen alle verstreut veröffentlichten Gedichte aus Anthologien und Zeitschriften an. Hinzu kommen zahlreiche unbekannte und bekannte Gedichte und Entwürfe aus dem Nachlass. Eine Fundgrube der modernen Poesie. Dass Schönheit und Wahrheit einander ausschließen, kann man dem Werk Müllers nicht nachsagen. Deshalb kann er, ohne sich moralisch zu verbiegen, Sonette dichten, Balladen erfinden, mit Balladeskem spielen oder Gesänge anstimmen, in denen er zu großen zyklischen Formen findet. Müllers poetisches Werk bildet einen nicht abreißenden Dialog mit den Toten:

 

Bei der Vorbeifahrt am Schlosspark Charlottenburg plötzlich die Trauer

GRÜN IST DIE FARBE DES UNHEILS Die Bäume gehören den Toten

 

 

Die Gedichte sprechen vom Tod, von den Toten und ihren Blicken:

 

Als Abend wurd wir stiegen auf den Baum

Von dem sie früh den Toten schnitten.

 

Heiner Müller hat sich weder von der Ästhetik des „Kahlschlags“, noch von Paul Celan, noch von der späten Ausdrucksmelancholie Gottfried Benns distanziert. Und selbstverständlich nicht von Bertolt Brecht. In seinem vielzitierten Aufsatz Kurzer Bericht über 400 (vierhundert) junge Lyriker aus dem Jahr 1927 erläuterte Brecht seine Auffassung vom Gebrauchswert, den ein Gedicht haben müsse:

„werden solche ‚rein‘ lyrischen Produkte überschätzt. Sie entfernen sich einfach zu weit von der ursprünglichen Geste der Mitteilung eines Gedankens oder einer auch für Fremde vorteilhaften Empfindung“.

Dies und der dokumentarische Wert, den er einem Gedicht zubilligte, lässt sich durch sein gesamtes lyrisches Schaffen verfolgen. Es war für Brecht offenbar tiefes Bedürfnis, jeden Eindruck, jedes wesentliche Ereignis, ja jeden Gedanken in Gedichtform zu reflektieren. Müller hat seinen eigenen Weg gesucht, auch mit Brecht als Wegbegleiter.

 

***

 

Warten auf der Gegenschräge von Heiner Müller, Suhrkamp 2015

Quellennachweis des Müller-Bildes: Bundesarchiv. 04.11.89 Berlin: 500.000 Bürger beteiligten sich an einer Demonstration für den Inhalt der Artikel 27 und 28 der Verfassung der DDR. Auf dem anschließenden Meeting auf dem Alexanderplatz ergriff auch der Dramatiker Heiner Müller das Wort.

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