Auf der digitalen Agora

  Der literarische Kanon ist ein Mysterium. So richtig kann niemand erklären, warum der eine Autor als Klassiker gilt, während der andere in den Untiefen der Bibliothekskeller verschwunden ist. Und wer dort erstmal liegt, fernab von Feuilletons und Konferenzen, hat kaum eine Chance auf Wiederkehr. Denn der Kanon ist Mainstream, und der Mainstream ist unerbittlich. So flackern die Namen der Verschwundenen höchstens noch an runden Geburts- und Todestagen durch den Blätterwald.

Konstantin Ulmer

Spätestens seit Johannes Gutenbergs genialer Erfindung und der Verbreitung von Martin Luthers 95 Thesen ist Autorschaft eine Grundvoraussetzung für jedwede Selbstbeschreibung der aufgeklärten Gesellschaft. Die Untergruppe Literatur ist kein Journalismus, kein Kintopp käme auch nur in die Nähe jener Zone, in der sich Poesie bewegt; das Flüssige der Sprache, das Schöpfen aus dem Nichts, das Verknüpfen des Unverknüpften, der Mut und die Demut, sich treiben zu lassen.

Triumphzüge der Äußerlichkeiten

Unserer Gegenwart ist die Zukunft abhanden gekommen. Die von der Technologie überwachten Menschen sind bis auf wenige Ausnahmen zum bloßen Konsumenten degradiert. Poesie zählt zu den wichtigsten identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung zu Beginn des Jahres. Es geht auf den Kulturnotizen (KUNO) um die Frage der poetischen Produktion. Es entstehen neue Textformen, mit denen die Gesellschaft sich von sich selbst erzählt: Soziale Poetik, Sound–Poetik und Social Reading. Geht das Verständnis für die Kulturleistung Poesie verloren, zerfällt Gemeinschaft buchstäblich aufgrund von mangelndem Verständnis.

Krise der Informationsökonomie

In der Literatur ist die letzte Provokation zur Konvention geworden, die Avantgarde ist längst anderswo. Der subventionierte Literaturbetrieb hat sich in stillschweigendem Einverständnis mit den Interessen des Kapitals arrangiert und seine Autonomie ebenso eingebüßt wie jede Art von transformierender Kraft. Das befremdliche Paradoxon der Gesellschaft liegt darin, dass sie Genies will, die sie zu ihren Lebzeiten nicht unterstützen kann, um sie nach ihrem Tod desto besser hochzujubeln. Die Haltung von Literaturbürokraten vereint all jene Eigenschaften, die den Kulturbetrieb zur Folterkammer machen: Gefühlskälte, aufgesetzte Bedeutung, routiniertes Handwerk, gnadenlose Selbstbezüglichkeit. Es wird nichts erzählt, was man nicht schon lange und besser weiß und kennt. Das Konzept des offensiven Selbstwiderspruchs versandet in hoffnungsloser Langeweile.

Alltagslyrik, wohin man schaut, Gartenmöbel zum Sonett gestampft
Monika Rinck

Wenn nichts richtig und nichts unrecht ist, dann hat die Literatur endgültig jeden Nimbus verloren. Es ist ein unausrottbares Gerücht, daß Literatur entsteht, indem “schmerzhaft genau beschrieben” wird. Das gibt im Resultat höchstens die klassische Suhrkampverlagsleiterprosa, charakterlos sensibilistisch, kunstvoll, ganz wichtig. Interessiert aber keinen Menschen. Es wird zu viel Vermeidungsfiktion geschrieben. Über die schmerzlichen Wunder unserer Existenz erfährt man bei Holger Benkel, Peter Meilchen oder A.J. Weigoni ungleich mehr als beim Eintauchen in die mürbe Welt eines Wilhelm Genazino, Botho Strauss oder Martin Walser, der Selbstzerfleischungsliteratur eines Karl Ove Knausgård und von all den junggealterten bis mittelalten Autoren und Autorinnen ganz zu schweigen, deren Helden sämtlich Jonas oder Anna heißen und in Prenzlberger Cafés ihre Zeit absitzen. Das dieser Szene über den Berghain hinaus eine Bedeutung zugeschrieben wird, ist ein tragischer Fall von germanistischer Inkontinenz.

Content ist nichts, Kontext kann alles bedeuten!

Die Literaturwissenschaft hat sich auf dem weihrauchumzirkelten Altar der Hochkunst darauf beschränkt, Autorschaft und ihre Inszenierungen anhand von literarischen Texten zu untersuchen. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki kündigte in 2001 im Nachrichtenmagazin Der Spiegel den Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke an. Diese Geisteshaltung war damals bereits in einem konservatorisch bedenklichem Zustand. Die Redaktion des Online-Magazins Kulturnotizen (KUNO, siehe auch In eigener Sache) hält diesen “Kanon” für kaum hinreichend und schafft Abhilfe, indem sie die Spielwiese des Denkens auf das tonale und visuelle des Hypertextes erweitern. Daß moderne Literatur nicht nur im begrenzten Format eines Buches seinen Platz hat, belegen der Multimediakünstler Peter Meilchen, der Sprechsteller A.J. Weigoni oder die visuelle Poetin Angelika Janz nachdrücklich. Alle vorgenannten Artisten arbeiten sowohl mehrperspektivisch, als auch interdisziplinär. Ein Ansatz, der bei den germanistischen Fliegenschißdeutern keine große Beachtung findet, weil die Rezeption von Literatur im Gegensatz zu der von bildender Kunst größtenteils im 19. Jahrhundert steckengeblieben ist. Uns interessieren die Auswirkungen auf die Rezeptionsgewohnheiten, die Horizonterweiterung, der interdisziplinäre Ansatz. Namen, Zeitläufe, Kunstwerke, Alltagsdinge, die respektvolle Ordnung unseres Archivs bringt nachträglich Struktur in die unübersichtliche Welt. Unser Erkunden geht weiter, die Fortführung der digitalen Aufbereitung der Bestände ist unsere Aufgabe, was nicht im Netz ist, ist für jüngere Generationen nicht existent. Die Lücke zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert gilt es mit Nachdruck zu schließen.

Mainstream der Minderheiten

KUNO ist ein Medium für die Entgrenzung der Poesie, wir verstehen uns als Knotenpunkt eines lexikographischen Netzwerks und legen den Schwerpunkt bei der Überlieferungswürdigkeit auf sogenannte Außenseiter, die sich unter diesem Dach zu einer Solidarität der Solitäre zusammengefunden haben. Ein großer Name bedeutet nicht unbedingt eine aussagekräftige Retro. Wohingegen jemand wie der Flözgänger Ulrich Bergmann, der wunderbare Skizzen oder Korrespondenzen geführt hat, die die Zeit illustrieren und Querverbindungen hier zu anderen archivierten Künstlern schafft. Modernität und Alterität der Moderne, Vergangenheit und Gegenwart, das Zusammentreffen von Betrachter und Betrachtetem mittels fachlicher Reflexion zu bestimmen, das ist die große Aufgabe der Kulturnotizen. Seit einem 1/4tel Jahrhundert bewegen wir uns fort vom klassischen Kunstbetrieb, hin zu Vernetzungen mit anderen Sparten und mit dem Zeitgeschehen. Gerade Literatur ist heute zu rückwärtsgewandt, zu beliebig, zu selbstverliebt. Die Marktnischen für klassische Disziplinen der Literaturkritik verschwindet. KUNO will sich einmischen und Verantwortung zeigen. Kunst darf nicht wegsehen. Der Markenkern der Kulturnotizen sind abweichende Persönlichkeiten, die den Vulgärrationalismus attackieren, Aktuelles auf historische Wurzeln zurückzuführen, die sich furchtlos, aber vermittelnd den Debatten stellen.

Anwartschaft auf die Ewigkeit

Hier schreiben im gesellschaftspolitischen Sinn zeitgenössische Autoren, die ein soziales Gewissen haben und nicht nur gewissenhaft schreiben. Mit Kersten Flenter und Robsie Richter gehört der diesjährige Twitteratur-Preisträger Tom de Toys zum Dreigestirn des deutschen Poetry Slam, sie sind die offiziellen Regenten der Subkultur und das repräsentative Aushängeschild des Social Beat. Die aktuellen Krisen, die unseren Globus schütteln, sind begleitet von einer Krise unseres Denkens, die damit auch zu einer Krise unseres politischen, kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Handelns wird. Wir müssen unser Denken und Handeln verändern und weiterentwickeln. Das ist eine politische Forderung, die in nahezu allen Essays von Joachim Paul implizit enthalten ist. Der digital nahezu grenzenlos zur Verfügung stehende Publikationsraum will verantwortlich genutzt werden, eine Vielzahl von bislang nur werkstattintern oder gar nur in der lexikographischen Phantasie vorhandenen Möglichkeiten kann hier realisiert werden. Für unserer Online-Archiv gilt: “Aufbewahren. Für immer!” Wir sichten das Material, bevor wir es dann hier in Ruhe bewerten und bewahren vor dem Vergessen, was durch das Raster der Gedenktagskultur fällt.

Destabilisierung der Textautorität

Das Werk von Angelika Janz erschließt sich nur dann richtig, wenn man die Verflechtung ihrer Bildgedanken mit der Dichtung versteht. Der Fragmentexterin geht es um die Zusammenführung von Bild und Abbild. Ihre Arbeiten sind ein Prozeß, der von Weiterungen, Abweichungen bestimmt ist, das Angepeilte erfüllt sich nicht so, wie es sich der Betrachter sich normalerweise vorgestellt.

Janz’ Wirken zielt auf die Wiederherstellung der zerstückelten Einheit von Musik, Sprache und Bewegung, von Kunst und Leben. Die Textgestalt traditioneller Lyrik hat die Autorin weit hinter sich gelassen. Die herkömmlichen lyrischen Ordnungsprinzipien wie Verse, Strophen und Reime werden von ihr außer Kraft gesetzt durch verschiedene Formen der Überschreibung und Rekombination des Urtextes. Die Aura poetischer Texte wird überschrieben, mit groben Streichungen und handschriftlichen Eingriffen in die Verse. So entsteht eine Poethologie des Flüchtigen, die den Fragmentarismus dieser Zeit spiegelt.

Mit der Offenheit der Form polemisiert Janz in ihren Fragmenttexten gegen die Affirmationsmaschine des Literaturbetriebs. Das Sakrale wird konsequent ausgehebelt, ihre Fragmentexte sind ein ästhetischer Genuss für die Liebhaber der schönen Künste. Wir verliehen ihr in Anerkennung dieses Werks den KUNO-Lyrikpreis 2015.

Meister der Kurzform

Wir verliehen Karl Feldkamp – einem Meister der Kurzform – den KUNO-Twitteraturpreis 2014. In unterschiedlichen Felder der Literatur zu Hause hat sich der gestandene Lyriker und Essayist neuen Formen gegenüber aufgeschlossen und vermag dies auch zu begründen, für ihn ist Twitteratur: Kurz knackig einfühlsam. Feldkamp behilft sich mit der scheinbar einfachsten Form der Literatur. Seine Twitteratur sind Miniaturen in Prosa, sie sind präzise, witzig, und philosophisch. Seine Twitteratur zeigt dem Leser wie klein Geschichten sein können. Wie entbehrlich Handlung ist. Dies ist keine Lyrik, weil sich in Lyrik Wörter vor allem aufeinander beziehen. Diese Twitteratur verweist auf Reales, es ist der Kern, um den herum eine unendliche Vielzahl von Formen aufblüht – ein Aperçu, eine Aufzählung, ein Witz, ein Paradox. Das Schreiben ist zum einen Erkenntnismedium, und des weiteren Schauplatz individueller und kollektiver Handlungsweisen in einem gesellschaftlichen, politischen Rahmen. Twitteratur darf sich von allen Literaturgattungen bisher den geringsten Zuspruch erwarten. Jedoch fällt dieser Autor nicht hinter den Stand der Dinge zurück. Er ist ein Literaturschaffender, auf den ein Benn-Zitat zutrifft: Erkenne die Lage, gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen, vollende die Einzelnen deiner Werke. So hat er es versucht zu machen, und es ist etwas dabei rausgekommen. Da kann man nicht meckern;-)

Onomapoetisches Zirpen

Wie präzise Sophie Reyer mit der Sprache zu arbeiten vermag, blitzte bereits in binnen auf. Ihre Lyrik ist intelligent und spielerisch. Die Bezeichnung miniaturen erscheint mir mehr als zutreffend, diese Eingeneinschätzung trifft sich sehr gut mit dem, was wir in diesem Online-Magazin ausloten. KUNO hat ein ausgesprochenes Faible für diese Art des Textens. Der in der Schwebe gelassene Sinn, die Produktion von Ambiguität – was für Roland Barthes Brecht im Theater geleistet hat, indem er die Sinnfrage zwischen Bühne und Zuschauerraum neu verteilte – findet sich in der Kunstform der Twitteratur wieder.

Jede Dichtung spricht über die Situation ihrer Herkunft. Natürlich vernetzt sich Sophie Reyer mit Ingeborg Bachmann (Die gestundete Zeit) und beispielsweise Paul Celan (Dann zirp ich leise, wie es Heimchen tun) oder Rainer Maria Rilke (Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt in euch?). Und selbstverständlich ist die Gutenberg-Galaxis ein Referenzuniversum (für dieses Umherschweifen erhielt sie den KUNO-Essaypreis 2013), das Schreiben wird durch das schreibende Analysieren gebrochen. Wie jeder Lyriker erschafft Reyer eine ganz eigene Wahrnehmung, eine Beobachtung, die sich sowohl aus dem kollektiven wie auch individuellen Bewußtsein speist. Die Generation um Sophie Reyer setzt auf die Intelligenz der Menge, auf die Selbstorganisation des Schwarms, auf die Macht derer, die sich selbst erkannt und aus freien Stücken miteinander verbunden haben. Es geht ihnen nicht mehr darum, dass die Einzelnen in einem grossen Ganzen vereinheitlicht werden und ihre eigenen Ideen, Geistesblitze und ihre Kreativität einem fertigen Weltbild unterordnen. Diese Generation kann viele werden und dabei Einzelne bleiben, die mit all ihrer Eigenständigkeit, Verrücktheit und mit ihrem individuellen Eigensinn dazu beitragen, die Idee einer Poesie immer wieder neu entstehen zu lassen. Reyer bricht die Idee vom objektiven Ich und vom subjektiven Ich auf und thematisiert in ihrer Poesie Verletztheit, es ist eine wohltuend unsentimentale Sichtweise auf die Welt und ihre Mechanik. Auch die Mechanik der Liebe. Sie mißtraut dabei jedoch den Heilversprechungen ebenso, wie den Momenten des aufrichtigen Glücks. Gelegentlich öffnen die Gedichte den Vorstellungshorizont geradezu unmerklich und doch unabweisbar aus dem Intimen ins Historische. Reyer hat einen charmanten Spleen, ein Gefühl für schräge Situationen und einbrechende Absurditäten. Mit ihrer Wahrnehmungslyrik werden die existentiellen Abgründe durch ein absurdes Element geradezu abgemildert und dem Intellekt erträglich gemacht. Regelmäßig begleitet uns 2016 die Lyrik von Sophie Reyer mit ihrem Zyklus Im Monat der Seidenraupe.

Die Welt der Sprachmagie

Gedichte bedeuten für Holger Benkel etwas, das Seamus Heaney so beschreiben hat: “die Authentizität archäologischer Funde, wobei die vergrabene Tonscherbe nicht weniger zählt als die Ansiedlung; Dichtung als Ausgrabung also, als das Ans–Licht–Holen von Fundstücken, die am Ende als Pflanzen dastehen.” Es um eine Phantasie, die zugleich frei und verbindlich ist. Klarheit und Magie waren für Benkel keine Widersprüche.

Der Hungertuchpreisträger denkt in Zusammenhängen, die immer auch das Ganze und das Kommende betreffen. Bereits in der Renaissance beriefen sich Lyriker, die auf die strenge Bindung der Verse durch Rhythmus und Reim verzichteten, auf das Vorbild der Antike. Sie konnten in den Gesängen Pindars, aber auch in den Psalmen der Bibel kein Metrum und keinen Gleichklang der Endsilben entdecken. In ältester Vorzeit waren die Vorläufer unserer heutigen Gedichte sprachmagische Werkzeuge. Ihrer bediente man sich einzelweise oder im Chor, um sich Götter und Gegenstände gefügig zu machen. Gedichte waren Gesang, und zu diesen beiden gesellte sich der Tanz. Erst durch das Nachstellen ritueller Schrittfolgen wurde die Entstehung der Versfüsse, der Hebungen und Senkungen im Versfluss, plausibel und deutlich. Benkel beleuchtet die oft vergessen magischen Quellen der Dichtung, als da sind: der Schamanismus, die animistische Anrufung, der Beschwörungszauber. An ihrer archaischen Quelle ist die Dichtung Gesang und das Geheul des Priesters und Heilers. In dieser frühen kultischen Praxis sind die Seele und die Dinge noch nicht voneinander getrennt, die Materie, die Tiere, Pflanzen und Menschen sind ineinander verwandelbar. Mitunter scheint es, als ginge Benkel auf Runensuche und zeichnet auf, was im Gedächtnis des Volkes an Liedern, von Sängern und Sängerinnen während Jahrhunderten mündlich überliefert worden waren.

Das Unbehagen an der modernen Kunst ist im Grunde nichts anderes als das Unbehagen an der Kunst überhaupt.

Hellmuth Karasek

Wir schätzen beim Online-Magazin Kulturnotizen (KUNO) ein Pingpong der Positionen; gerade die ästhetische Gegenposition eines Ulrich Bergmann. Er ist ein Glücksgeborener. Und damit meine ich nicht nur das äußerliche Glück, sondern die seelische und psychische und, davon ausgehend, geistige und kulturelle Prädisposition und Begabung für Glückswahrnehmungen, die ihn selbst noch die Ironisierungen und Parodien seiner eigenen glücksbezogenen Größenphantasien als Glück erleben läßt. Gegen die Auffassung, daß die Verschmelzung von Glück und Kunst eine vormoderne Vorstellung sei, setzt er seine Modernisierungen des Glücksempfindens. Wenn er sein Leben in seinen Texten dialektisch paradox durch Spiel, Theater, Phantasie erweitert, weiß er freilich, daß die ungedachten Gedanken und die unrealisierten Pläne immer besser als die gedachten und gelebten sind und der ideale Text eigentlich Liebesakt, Geburt, Sterbemoment, Seelenwanderung, Auferstehung und Erleuchtung vereinen müßte.

Wir verleihen Ulrich Bergmann für die Reihe „Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne … und Schwerkraft. Gedanken über das lyrische Schreiben” den KUNO-Lyrikpreis 2016.

Neues aus dem Nippiversum in 2016

Ein alter Wegbegleiter der Kulturnotizen ist Herr Nipp. Eine regelmässige Abfolge seiner Geschichten erscheinen 2016 wöchentlich auf KUNO. Nach der überwältigenden Resonanz auf den ersten Band »Die Angst perfekter Schwiegersöhne« kann man diese wöchentlichen Wortmeldungen als eine Erkundung vom Mittelmäßigen und Übermaß bezeichnen, abermals fürsorglich begleitet durch den sauerländischen Synergetiker und Hungertuchpreisträger Haimo Hieronymus. Und abermals sind es Geschichten vom unbekannten Verlust. Das wiederkehrende Motiv ist das Individuum, das durch die Moderne strauchelt, herumgeschubst wird, viele Niederlagen erlitten und die Hoffnung auf eine grundlegende Verbesserung seiner Lage aufgegeben hat. Herr Nipp scheitert mit Würde, will anständig und nicht peinlich sein auch wenn das nicht immer gelingt. Haimo Hieronymus beschreibt die kleineren und größeren Lebenslügen, die es für das glückende Leben braucht: ein wenig zwischenmenschliche Verkommenheit für die Karriere, ein bisschen Ehebruch, die paar im Laufe des Lebens angeeigneten Neurosen, vor denen man die Augen schließt. Als Identifikationsangebot für soziale Bewegungen eignen sich die Texte nicht, Herr Nipp wurschtelt sich allein oder mit Freunden durchs Leben, seine tragische Geschichte wird nie mit Pathos, sondern auf eine Weise leicht und humorvoll erzählt.

Mäandern im Materialsteinbruch

Gedankenstriche lautete der Titel einer Abfolge von Prosaminiaturen der Autorin Joanna Lisiak, die KUNO in 2016 regelmäßig präsentiert. Gäbe es eine Geographie lyrischer Formen, dann läge sie wahrscheinlich zwischen Haiku, Tanka und Monostichon, neudeutsch Twitteratur. Aufgrund seiner extremen Kürze werden diese Gattungen vor allem für Formen verwendet, die aus Verknappung und Verdichtung ihren ästhetischen Reiz ziehen, also literarische Kleinstformen wie Gnome, Epigramm, Sinnspruch, Sprichwort, Sentenz und Ähnliches. Lisiaks Gedankenstriche zeigen, wie das Leben so spielt, sie spiegeln einen Jahrmarkt der Eitelkeiten, eine fortgeschriebene Comédie Humaine, die durch den inszenierten Zufall wirklich Leben bekommt. Ihre Prosaminiaturen sind ein Akt des Widerstands gegen das Vergessen und Verschwinden, gegen Entfremdung und das langsame Sterben an allgemeiner Ratlosigkeit. Mitunter fließen auch Typologien zur Literatur als poetologische Selbstreflexion ein. Die Autorin unterwirft sich mit ihrer Twitteratur keinen strengen Regeln, ihre Kürzestprosa besteht oft aus wenigen Worten, es sind Momentaufnahmen, eine per Wörterzoom herangeholte Einzelheit oder Beobachtung. Diese Einfachheit, die zum Kern der Sache vordringt, eine Idee komprimiert, verdichtet Lisiak zu einer Poesie des Alltags, sie mischt sich ein, kommentiert, stellt Fragen, unaufdringlich und schlicht, aber durchaus scharfzüngig. Mit der Kürze entsteht eine Konzentration auf das Elementare. Es sind Texte, denen jede Klage über die Vergangenheit fremd sind, zeigen das gerade dort, wo es am wichtigsten ist: im Alltag. Und sie zeigen das, was dabei herauskommt, in aller Schönheit und Faszination.

Weigoni gehört zu den meistunterschätzten Lyrikern.

Peter Maiwald

Und ausserdem erscheint in 2016 der Remix der Letternmusik. Dieser Gedichtband ist ein sorgfältig komponierter Band, in dem die Gedichte auf vielfältige Weise zueinander in Beziehung stehen. A.J. Weigoni hat diese Gedichte nicht einfach hervorgeholt und reproduziert, sondern sie in einer Rekonstruktion für seine Trilogie Letternmusik – ein lyrisches Polydram in fünf Akten, Dichterloh – ein Kompositum in vier Akten und Schmauchspuren  – eine Todeslitanei neu erarbeitet. Der Zeitpunkt der Entstehung kann nicht einfach nachgemacht werden, es müssen Bewegungründe des Schreibens analysiert werden; sie gehen einmal durch die Sprache hindurch, werden reflektiert, der Zustand, die Stimmung ihrer Entstehung wieder aufgerufen. Es ist eine Arbeit mit der Erinnerung und der veränderten Gegenwart. Diese Werkausgabe folgt der 1995 erschienenen Erstausgabe, bei diesem Overdub bestimmten der Poet und die Lektorin, wie der Loop überschrieben wird, es wurde dazu nicht verwendetes Material berücksichtigt, Texte aus entlegenen Publikationen sinnfällig integriert und Überformungen vorgenommen.

Randständigkeit bleibt das Lebensprinzip der Poesie

Vom Rand aus arbeiten wir auf dem Online-Magazin Kulturnotizen (KUNO) daran, den  Kanon zu erweitern. Die Idee zum Projekt Das Labor ist ein viertel Jahrhundert alt. Wer über hinreichend Neugierde, Geduld, Optimismus und langen Atem verfügte, konnte in den letzten 25 Jahren die Entstehung einer Edition beobachten, die weder mit Pathos noch mit Welterlösungsphatasien daherkam. Die zeitliche Abfolge der projektorientierten Arbeit ist nachzuvollziehen in der Chronik der Edition Das Labor. Weitere Porträts finden Sie in unserem Online-Archiv, z.B. eine Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren aus Metropole und Hinterland. Auf KUNO porträtierte Holger Benkel außerdem Ulrich Bergmann, Uwe Albert, André Schinkel, Birgitt Lieberwirth und Sabine Kunz. Lesen Sie auch den Essay über die Arbeit von Francisca Ricinski und eine Würdigung von Theo Breuer. Und nicht zuletzt den Nachruf auf Peter Meilchen.

***

Gedankenstriche, Twitteratur von Joanna Lisiak, Kulturnotizen 2016

Vom Mittelmäßigen und Übermaß, Abwegige Geschichten von Herr Nipp, Kulturnotizen 2016

Im Monat der Seidenraupe, eine lyrische Entpuppung von Sophie Reyer, Kulturnotizen 2016

Letternmusik, Gedichte von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2016

Seelenland, Gedichte von Holger Benkel , Edition Das Labor 2015

 

Weiterführend →

Über die allmähliche Verfertigung einer projektbezogenen Arbeit erfahren Sie im Konzept der Edition Das Labor. Lesen Sie auch ein Porträt über die interdisziplinäre Tätigkeit von Angelika Janz, sowie einen Essay der Fragmenttexterin.

Neues aus dem Nippiversum