Materialgedicht für ein plebejisches Trauerspiel

 

 

Bockwurst oder nicht Bockwurst, das ist die Frage:

Obs edler im Gemüt, die feinen Schlingen

Der zähen Hülle zu erdulden oder sie

In stringenten Bissen, sich selber überwindend,

Durch Kauen zu zermalmen? Beißen – schmecken –

 

Nichts weiter! Und zu wissen, daß ein einzger

Biss das Herzweh und die tausend Lüste findet,

Die unser eigen Fleisch begehrt: das ist ein Ziel,

Aufs innigste zu wünschen. Beißen – schmecken –

Beißen! Vielleicht auch träumen! Ja, das ist’s!

 

Was im Genuss für Träume kommen mögen,

Wenn wir den Widerstand der Pelle lösen,

Zwingt uns zum Innehalten – und das ist der Lohn

Der harten Arbeit unsrer geilen Zähne,

Wenn sie des Saitlings Spott und Geißel zähmen.

 

Doch bleibt die Leere nach dem letzten Bissen,

Die unbekannte Sattheit, deren Grenze noch

Kein Bratwurstesser je erreichte, sie täuscht

Uns nur, dass wir an Völle, die wir haben,

Lieber leiden als an Hungerschmerzen.

So macht die Bockwurst aus uns allen Süchtige.

 

 

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Lesen Sie auch die Reihe Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne … und Schwerkraft Gedanken über das lyrische Schreiben.

Eine Würdigung von Ulrich Bergmann finden Sie hier.