Zwischen Halle und ‚Rendsborough‘

Vorbemerkung der Redaktion: Zum 80. Geburtstag von Sarah Kirsch baten wir André Schinkel einen Blick auf „Juninovember“ zu werfen, die erste Publikation aus dem Nachlass der Dichterin.

Die große Dichterin Sarah Kirsch, bereits zu Lebzeiten zur Klassikerin erklärt, blieb stets, wie es sich für einen Poeten von Format gehört, eine mutige und streitbare Person. Nach ihrem erzwungenen Fortgang aus der DDR, 1977 im Zuge der Biermann-Affäre, hielt sie sich noch lange nach dem Systembruch 1989 und der Wiedervereinigung von den „unsicheren Ostgebieten“ fern. Auch wollte sie keiner Institution angehören, in der sich in ihren Augen nach wie vor Relikte der alten Staatsmacht hielten – so lehnte sie 1992 die Zuwahl in die Akademie der Künste ab. Es war dies der Mut, der aus dem Willen resultierte, sich um keinen Preis verbiegen zu wollen: ein Affekt der Redlichkeit, der nicht selten einsam macht.

Bis zu ihrem Tod im Mai 2013 lebte Kirsch in Dithmarschen, in Tielenhemme – international wie im Land (etwa mit dem Büchnerpreis und dem Professorentitel honoris causa des Landes Schleswig-Holstein) hoch geehrt, zurückgezogen, ihren Sohn, Katzen, Eiderenten und Schafe in der Nähe, ließ sie sich nur selten auf Lesereisen ein – eine Pflicht, die ihr zunehmend lästig wurde und ab 2005 ganz eingestellt wurde. Umso berührender ist es nun, in „Juninovember“ zu lesen, wie sich die Autorin nicht nur für die Welt mit all ihren Zumutungen offen hält, sondern zugleich den Rückschluss an das Verlorengegangene, Verlassene sucht.

Quasi bruchlos knüpft „Juninovember“ an die Tagebucheinträge des Vorgängerbands „Märzveilchen“ an. Bei der Lektüre erfährt der Leser dieser ersten, noch von der Dichterin autorisierten Publikation aus dem Nachlass, dem in kleine Abschnitte „gestanzten“ und mit wenigen Gedichten in der Art der „Schwanenliebe“ durchsetzten Tagewerk der Kirsch von September 2002 bis März 2003 Erstaunliches. Zwischen den Volten der für Kirsch typischen Kunstsprache aus barocken Floskeln, Dialektgerassel, fürwitzig-frecher Metaphorik sowie knappsten, punktgenauen Zeit-Analysen wird nämlich zugleich von den denkwürdigen Reisen nach Halle, ins anrainende Mansfeld und zu ihrem Geburtshaus in Limlingerode im Südharz berichtet.

Diese Bewegungen in an und für sich ‚abgelegtes Gebiet‘ resultieren einerseits aus der 1999 einsetzenden, sich bis 2005 auf ein Intensivmaß steigernden Freundschaft zu Dichterkollege Wilhelm Bartsch und dessen damaliger Frau, der Malerin und Grafikerin Susanne Berner, sowie andererseits aus dem Entschluss der Nordhäuserin Heidelore Kneffel und einer Reihe weiterer Kirsch-Verehrer und -Aktivisten, mit der Gründung einer „Dichterstätte“ in Limlingerode nicht nur einen Ort für die Literatur zu installieren, sondern zugleich eine Option für den Erhalt des vom Verfall bedrohten Kirsch-Geburtshauses zu schaffen.

Von den Schwierigkeiten, diesen Prozess in Fluss zu bringen, den Engagements, ihn in Gang zu halten, die zum Teil auf die Autorin selbst zurückgehen, berichten die Aufzeichnungen in „Juninovember“ in affektreichen Sätzen, die vom Überdruss, die Ausfahrt zu beginnen, reden und zugleich die Rührung angesichts der Wiederbegegnung nur schwer verbergen. Der Besuch in Halle wird zum Ausgangspunkt für Erkundungsfahrten bis in den östlichen Vorharz und der saloppe Ton täuscht nur an der Oberfläche über die Tragweite dieses Schrittes hinweg, die einer Wiederaufnahme der abgebrochenen Verbindungen ins mitteldeutsche Kernland gleichkommt. In Halle studierte Sarah Kirsch Biologie, hier lebte sie mit ihrem ersten Mann und schrieb erste Gedichte – einige Plätze des Saalemetropölchens werden in elementaren Texten (beispielsweise in „Schwingrasen“) genannt, förderten sicher den Entschluss zur Reise.

Die Freundschaft mit Bartsch, der Austausch mit dem Limlingeröder Verein ist überdies dokumentiert in einer Ausgabe der Literaturzeitschrift „oda – Ort der Augen“: de facto gleichzeitig erschienen dort in Heft 1/2014 vierzig teils recht umfangreiche Schreiben aus den Briefwechseln mit Halle und Limlingerode in deutscher Erstveröffentlichung. Gerade die ansonsten bis dato unpubliziert gebliebenen Briefe, Faxe und Karten an Wilhelm Bartsch, die nahezu 120 Dokumente aus Sarah Kirschs Hand umfassen, dürften dabei von höchstem Interesse sein, zumal sie nicht allein den intensiven Kontakt zweier Dichter auf Augenhöhe belegen, sondern teils tagesgenau die Notizen in Kirschs Tagebüchern flankieren und authentifizieren sowie – als dritten Aspekt – einen Einblick in die Werkstätten beider Autoren um die Millenniumswende (bei Kirsch „Islandhoch“ sowie „Tatarenhochzeit“, bei Bartsch die „Gnadenorte Eiszeitwerften“ und sein fulminanter Roman „Meckels Messerzüge“) geben.

Daneben steht viel Alltägliches in den „Juninovember“-Sequenzen – der Gang zum „Glatzenschneider“ in „Rendsborough“ etwa, exorbitante Eisdielenbesuche, das Wetter, der Regen, der an die Fenster klatscht, die Ausfahrten von Sohn „Mauritius“, ein aus Halle mitgebrachter „chinoisischer Topp“ zum Reiskochen. Aber auch Beklemmendes findet sich und zum Teil wie zwischen die Zeilen gestemmt (die Monate auf dem Hochplateau des ‚Neuen Terrors‘ sind ein Ausbund an schrecklichen Nachrichten) und, nicht zuletzt, Vorausahnendes und die Bekräftigung des Abgeschiedenseins („Fazit: ich will in Ruhe vertrotteln.“) Eingegliedert in den Tagestakt: die wenigen Gedichte, haikuartige Kürzestsentenzen und Blicke, auch insofern bemerkenswert, da die Dichterin mit der „Schwanenliebe“ ihre lyrische ‚Laufbahn‘ mehr als zehn Jahre zuvor beendet zu haben scheint. Auch dies eine mutige und strikte Entscheidung, durch den offenen Charakter der Tagebücher ein wenig abgemildert.

Die Sicherheit, der Einklang im Leben der späten Sarah Kirsch heißt Tielenhemme, ein Umstand, der wichtiger erscheint als jede Ehre oder sonstige Ablenkung. Sie wird bereichert durch eine kleine Reihe Freundschaften, die den Kontakt in die Außenwelt halten, und erfährt eine heimliche Krönung durch die Expeditionen in die „unsicheren“ Gebiete. So gesehen, ergeben diese mit dem übrigen Werk Kirschs verbundenen und kommunizierenden Notat-Bände ein wichtiges Selbstzeugnis dieser einzigartigen Autorin und sind zudem ein notwendiges Erkenntnis-Reservoir für das Verständnis ihres Werks. Die gelegentlichen Stimmen, die sich am eigenwilligen Ton dieser Prosa stören, sollten den unschätzbaren dokumentarischen Wert von „Märzveilchen“ und „Juninovember“, zumal diese Bücher aus einer beginnenden Phase des Rückzugs und Schweigens berichten, nicht außer Acht lassen: halten sie doch das Wirken dieser Dichterin jenseits der ‚Klassiker-Bürde‘ lebendig.

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 Juninovember, von Sarah Kirsch, DVA.