Abendlied

 

 

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Mit Abendlied wählt Matthias Claudius einen Gattungsbegriff als Titel, der das Gedicht in den Kontext bestimmter literarischer Traditionen stellt. Auf der einen Seite ruft der Titel das Umfeld der geistlichen Gesänge auf, auf der anderen Seite ist das Abendlied als literarische Gattung ein typisches Produkt der Reformationszeit. Typische Elemente dieser Gattung sind die Angst vor der hereinbrechenden Nacht, die Erinnerung an den zurückliegenden Tag sowie eine Form von Andacht. Anders als bei vielen Vorgängern in dieser Tradition tritt bei Claudius‘ Abendlied eine reale, eigenständige Natur in Erscheinung, die nicht mehr rein metaphorisch gelesen werden kann. Auch fehlt dem Gedicht ein (gattungstypischer) grundlegender pädagogischer Unterton, dafür tritt ein fortschreitender Erkenntnisprozess auf, dem der Leser folgen kann. Claudius‘ Abendlied kann so als Gedicht gelesen werden, das eine literarische Tradition aufruft, um sich gleichzeitig von ihr abzugrenzen.

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