›Club ‘69‹

Ich verbrachte sowieso sehr viel Zeit in Mülheim.

Vom Bahnhof zur Ruhr, wo es sehr schon ist, waren es nur zehn Minuten zu Fuß. Und unterwegs konnte man im Eiscafé Agnoli lecker Kaffee trinken und merkwürdige Menschen kennen lernen, die hier scheinbar den ganzen Tag verbrachten und nur mal eben schnell nach Hause gingen, um zu schlafen.

In der noch dörflich strukturierten Stadt war man entweder um drei Ecken miteinander verwandt oder wenigstens in derselben Jahrgangsstufe gewesen. Alle machten irgendwie Kunst, waren Fotografen, Regisseure oder Musiker und fuhren Taxi, um zu malen oder Musik zu machen oder sie wussten noch nicht so genau, was sie machen wollten, so wie ich.

Man saß in dem Eiscafé verstreut zwischen den Ommas mit Enkeln und den Oppas mit Zigarre, die dort Eisspeisen verzehrten.

Alle gaben an, wegen der Ommas zu kommen, weil das so eine Atmosphäre sei. Helge war hier, weil Eduscho keine Sitzplätze mehr anbot, habe ich dort erfahren.

Bei Eduscho waren früher nur Ommas und Oppas gewesen und dann kamen junge Leute und lachten laut und rauchten viel bei nur einer Tasse Kaffee. Um die Freaks loszuwerden, schaffte das Eduschoteam die Sitzplätze einfach ab. Seit die dort nur noch Stehplätze hatten, kamen die Freaks, die Künstler, aber auch die Ommas und Oppas alle in die Eisdiele und bei Eduscho war tote Hose.

In dem Eiscafé traf ich auch Christoph Schlingensief wieder.

Er plante gerade ein Privatkino in der angemieteten großen Garage seiner Wohnung in Mülheim. Das Programmkino in Mülheim hatte dicht gemacht. Er wollte nun einen privaten unkommerziellen Filmklub gründen und ich wollte das Kinovorprogramm performen und Getränke verkaufen, als er mich fragte.

In der Garage hatte er etwa vierzig ganz billige Klappstühle untergebracht und ein paar Filmplakate aufgehängt. Ein kleiner Tisch mit Naschereien und Getränken zu Clubpreisen stand auch schon für mich bereit. Es gab einen winzigen Vorführraum, in dem Christoph und das uralte Vorführgerät Platz fanden.

Am Eröffnungswochenende kamen bis zu hundert Leute in die Vorstellungen geströmt, um Russ Mayers ›Satansweiber von Tittfield‹ zu sehen. Es war proppenvoll, wir mussten auch nach der zweiten Vorstellung viele Leute nach Hause schicken und beschlossen darum, das Ereignis jeden Freitag und Samstag zu veranstalten.

Unter den Gasten waren auch viele Schauspieler, zum Beispiel Udo Kier, der in Hollywood arbeitete. Er gab sogar seine Technopremiere als Sänger mit dem Lied ›Oh Maria ohne Sunde hilf uns in der schweren Stunde!‹ zum Besten.

Und der inzwischen leider verstorbene Alfred Edel kam oft zu Besuch. Eine Gräfin mit echten Doggen und ein glatzköpfiger Staatsanwalt, der in Christophs Film ›100 Jahre Adolf Hitler‹ mitgespielt hatte, kam mit seiner Frau. Alle saßen auf den extrem billigen Klappstühlen, die unter großem Hurra ständig zusammenbrachen. Ich verkaufte Getränke und hatte mir passend zum Film einen Atombusen aus Wollstrumpfhosengebastelt, der für anatomische Bewunderung sorgte, weil alle, die mich nicht kannten dachten, der sei echt.

Sogar die Bild-Zeitung war da, denn Christoph hatte für seinen nächsten Film eine Anzeige aufgegeben: Er suche nach extrem dicken, dünnen, kleinen und großen Menschen. In der Bildzeitung war am nächsten Tag tatsächlich ein riesiges Bild von mir und meinem Wollstrumpf-Atombusen.

Auf die Anzeige hatte sich eine extrem kleine Ingrid aus Essen gemeldet, eine ältere Frau mit hervorragendem Kinn, die nun Filmstar werden wollte und Christoph nicht mehr von der Seite wich. Egal, was er sagte, sie sagte nur ≫Ganz genau!≪ ≫Ingrid du störst, geh doch mal zur Seite.≪.

≫Ganz genau!≪, kam die Antwort.

Als Vorprogramm konnte ich machen, was ich wollte.

Ich stellte lustige Musikkollagen zusammen und verkleidete mich passend zu den Filmen. Zu dem Dinosaurierfilm ›Eine Millionen Jahre vor unserer Zeit‹ mit Raquel Welch kam ich als verwirrte Höhlenbarbie mit Fackel und tanzte archaisch zu wilden Trommelrhythmen, die unterbrochen wurden von Peter Alexander mit seinem Lied ≫So was wie dich gibt’s nur einmal, Mädchen, ich lieb dich sehr≪.

Ingrid schrie: ≫Ganz genau!≪

Ein toller Erfolg.

Jedes Wochenende ein neuer Film, ich war ganz schön kreativ und war mal Drogenfrau oder Außerirdische, Funkenmariechen oder sogar Mutter Courage, als die Mauer fiel. Auch ein schöner Beruf.

Geld gab es kaum, denn das war richtige Kunst. Das werden alle bestätigen, die dabei sein durften.

Der hochbegabte Bluessänger nahm mich vorrübergehend auf. Er hatte eine kleine Wohnung und auf dem Wäschespeicher konnte ich meine Möbel lassen. Leider bekam er Zahnschmerzen, die er mit Whisky betäubte, weil er Angst vorm Zahnarzt hatte. Dann war er so betrunken, dass er die Musik bis zum Anschlag aufdrehte und ständig die Polizei kommen musste.

Dabei schrie er euphorisch aufjaulend die Namen der elektronisch verstärkten Musiker ›Johnny Winter!‹ oder ›Steve  Ray Vaughan!‹ und warf seine leeren Flaschen in den Hof, wo sie im Sandkasten landeten, um mich als Frau und potenzielle Mutter damit zu provozieren.

Das alles wäre gar nicht so schlimm gewesen, aber irgendwann nahm er vollkommen betrunken meine Jazzplattensammlung und machte sich daran, sie durchzuhören.

Als ich nach Hause kam, lagen die Platten auf dem Boden und er fuhr mit dem Bürostuhl lachend darauf herum, während er in den höchsten Tönen kreischte: ≫Die sind doch total bekloppt mit diesem Jazz!≪ Da wurde es mir zu bunt.

Ich verließ auf der Stelle mit meinen Platten die Wohnung, zog heimlich auf den Speicher zu meinen Möbeln und machte Pipi in einen Eimer.

Der hochbegabte Bluessänger bemerkte gar nicht, dass ich heimlich über ihm wohnte. Die netten Nachbarn haben mir aber freundlicherweise zur Eimerentsorgung ihre Toilette zur Verfügung gestellt. Die Leute in dem Haus hatten übrigens wegen des Lärms nie die Polizei angerufen.

Das war ein Mann, der fünf Häuser weiter in der Seitenstraße wohnte, wo es hineinschallte. Der hatte sich sogar die Mühe gemacht, ein großes Paket mit einer Doktorarbeit über die gesundheitlichen Folgen von Lärmbelästigung in den Briefkasten des Bluessängers zu legen.

So sauer war der.

In dem Haus selbst wohnten jedoch nur harmlose tolerante Freaks und taxifahrende Künstler, die den Bluessänger alle für hochbegabt hielten und sich nur wunderten, dass der gar nicht berühmt wurde.

Die brauchten den Speicher auch nicht für ihr bisschen Wäsche, weil sie als Junggesellen nicht so viel zu waschen hatten.

Ich schlief auf einem alten Sofa im Schlafsack und fühlte mich mit meinen Möbeln auf dem Wäschespeicher fast wie zu Hause. Und langsam wurde es wärmer.

 

***

Gott schmiert keine Stullen von Eva Kurowski, rowohlt

Weiteführend →

Lesen Sie auch das Porträt der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO.