Wie ich ›Seine größten Erfolge‹ sang

Von den dreihundert Mark Unterhalt blieben nach Abzug der Miete sogar sechzig Mark übrig. Damit kam ich richtig lange aus, denn ich kochte selber. Aber als das Geld zu Ende war, sah ich die Stellenangebote in der Zeitung durch und fand dort diese Anzeige:

≫Tierfotograf sucht Modell für Portraits. Garantiert seriös!≪.

Das klang irgendwie interessant.

Ich rief sofort an und verabredete mich mit ihm.

Am nächsten Tag stand er vor meiner Tür.

Er war sichtlich verlegen und fing sofort mit der Arbeit an.

Er hat mich einfach so, wie ich gekleidet war, von allen Seiten

fotografiert, und ich kam mir vor wie ein interessantes

Tier und überlegte, welches. Jedenfalls fühlte ich mich sehr beobachtet.

Dafür gab er mir nachher fünfzig Mark und sogar einen Vertrag über die Veröffentlichungsrechte, denn ich war der erste Mensch, den der Tierfotograf fotografiert hatte und er wollte wohl alles richtig machen.

Das Geld reichte dann für ein paar Tage, in denen Helge vorbei kam.

Als Jazzmusiker hatte er immer Hunger. Selbstverständlich hatte ich Leberwurst im Kühlschrank und wir aßen Butterbrote.

Helge hatte einen Gig in einem Brauereihaus in Dortmund.

Dort sollte ich ›mit meinem Mund‹ singen und er wollte mich dazu am Klavier begleiten.

Obwohl er schon fast dreißig war, hatte er grade erst seinen Führerschein gemacht, und wir schwammen in einem alten Peugeot mit Heckflossen durch den zähen Feierabendverkehr.

Als wir in der Brauerei ankamen, saßen dort die geladenen Wirte, die eine anstrengende und wahrscheinlich total langweilige Brauereibesichtigung gemacht hatten. Nun sollten sie mit Bier, Weib und Gesang dazu überredet werden, die Verträge für die Bierlieferungen zu unterschreiben.

Der Chef begrüßte uns mit den Worten: ≫Herr Schneider, wie schon, dass Sie da sind. Wir hatten letzte Woche jemanden hier, der sang so was mit Schweinen, das war auch sehr gut. Mein idealer Lebenszweck ist Borstenvieh und Schweinespeck. Können sie das, ja?≪ Helge deutete auf mich und sagte irgendwas mit Jazz, dann fingen wir an. Helge spielte ein wild aneinandergereihtes Melodienallerlei, was sehr gut ankam, denn es verstärkte die Wirkung des frisch gebrauten Getränks.

Ich sang ›How high the Moon‹, ›Moonlight Serenade‹, ›Sophisticated Lady‹, ›Summertime‹, ›All of me‹ und zum Abschluss ›You’ve changed‹.

Da waren alle besoffen.

Als Verstärker diente ein großes altes Röhrenradio mit Auge, zum Sender einstellen. Kennt man heute nicht mehr.

Durch das Radio klang ich wie in den vierziger Jahren und verwirrte die Wirte, die gerne was mit Schweinen gehört hätten.

Zwei Wirte haben aber wohl doch total besoffen den Vertrag unterschrieben.

Darum hat Helge den Job noch ein paar Mal machen können.

Von den hundert Mark konnte ich ganz viel Leberwurst kaufen.

Wir spielten auch schon mal in Hotels. Da waren dann zum Beispiel Ärzte von der Ärztekammer, die während des Essens gern beschallt wurden. Am liebsten von ärmlichen, in schäbigen Anzügen gekleideten Musikern, die alles gaben. Das fanden die romantisch. War es ja auch.

Ärzte lieben die Romantik.

Die Romantik war ja auch eine Zeit der Armut und Krankheit.

Die Leute hatten oft Hunger und nur eine Kerze. Dann überlegten sie, ob sie die Kerze essen sollten oder sich lieber an dem Licht in dieser dunklen Zeit erfreuen wollten, um in dessen Schein all das Elend in Gedichtform niederzuschreiben.

Heute sagt man immer, es wäre romantisch gewesen, wenn einer mal ‘ne Kerze anmachte, weil man dann beim Poppen besser aussah als im Neonlicht. So ändern sich die Zeiten.

Dann drehte Helge plötzlich einen Kurzfilm. Ich bekam die zweite Hauptrolle als prinzessinnenähnliche Freundin von ihm selbst, der einen kleinen Ganoven spielte, der natürlich im Hotel Handelshof wohnte, mit einem Koffer voller Geld auf dem Hotelbett und einer grinsenden Wasserleiche in der Badewanne, die wiederum von Kalle Mews dargestellt wurde, der aussah wie der ertrunkene Mönch in ›Der Name der Rose‹. Im Film fahren wir dann vergnügt zu einer Pommesbude und essen Pommes.

Der Originalbesitzer der Pommesbude, er wurde in Mülheim ›Schmutzfuß‹ genannt, machte seinem Namen alle Ehre.

Die Tomatensoße war handhoch verschimmelt! Peter Thoms spielte als Ballerina verkleidet die Bedienung und flippte total aus, als Uwe Lyko und ein Dudelsackspieler reinkamen und als Musikstudenten auch noch Geld für den Dudellärm haben wollten. Schließlich sagte Helge: ≫Jetzt ist aber bald Feierabend!≪, und schoss in die Luft. Da war der Film fast zu Ende. Denn ganz zum Schluss verlasse ich ihn noch und laufe davon. Weiber.

Der Film hieß ›Stangenfieber‹, es kam aber keine einzige Stange darin vor, und Fieber hatte auch keiner.

Helge hatte einen Freund, der hieß Christoph Schlingensief.

Der machte bei diesem Film die Kamera. Christoph machte aber auch selber Filme und Helge sollte dazu die Musik aufnehmen.

Irgendwann gingen wir in Mülheim in ein Tonstudio an der Ruhr.

Dort lebte ein langer Mensch, der ungefähr aussah wie Frank Zappa von weitem, wenn man den nicht so genau kennt.

Es entstanden viele lustige Lieder und ich sang ›Paris, Paris‹, ›Ratapuff‹ und ›Nimm’s nicht so schwer‹, ein sehr schönes trauriges Lied über die Pubertät, das Trost spenden sollte.

Immer, wenn wir irgendwie müde wurden, überraschte uns der Tonmeister mit akrobatischen Einlagen. Er machte richtige Stunts, riss die Tür auf und schmiss diverse Schaufensterpuppen in den Aufnahmeraum.

Beim nächsten Mal riss er die Tür auf und warf sich selbst der Länge nach auf den Boden.

Wir waren durch den Schreck hellwach geworden und konnten weiterarbeiten. Der Tonmeister hatte nach solchen Nächten überall Hämatome am Körper und die Aufnahmen wurden richtig gut.

Später kamen noch mehr Lieder dazu, wie ›Liebe ist nicht peinlich‹ oder ›Vagabund‹ von Eddie Constantine.

So wurde ich mit diesen Liedern fester Bestandteil in Helges Show, die lokal recht erfolgreich war. In Duisburg zum Beispiel kamen bestimmt vierzig Leute in das kleine Jugendzentrum, und in dem alten Kino waren es auf einmal sogar zweihundert. Wir gingen richtig auf Tournee: Duisburg,

Oberhausen, Bochum, Dortmund, Paderborn, Osnabrück, Steyerberg, Bremen…

Kalle Mews als Schlagzeuger, Herbert Knebel als Uwe Lyko und Dieter Stein mit Kontrabass kamen mit.

Helges Programm ›Seine größten Erfolge‹ war noch total unbekannt.

Er machte dort genau dasselbe wie später in den Fußballstadien, als er plötzlich so berühmt war. Aber da gab es noch kein Katzenklo und noch keinen Reis. Zwischen den Liedern gab es dafür so richtig absurde Schmierenkomödien auf der Bühne zu sehen. Helge saß am Klavier und schrie und stöhnte vor Schmerz und Verkrampfung, während er sich an einer Fuge von Bach verspielte und sie in Fetzen zerlegte.

Dann kam von hinten in Zeitlupe Uwe Lyko und schlich sich an den Bachfugen stümpernden Pianisten ran, holte mit seinem Beil ganz weit aus, zu weit, verlor an dem entscheidenden Punkt das Gleichgewicht und fiel hinten über. Das wiederholte sich bestimmt fünf Mal. Es war sehr tragisch.

Schließlich gab er auf. Applaus, nächste Nummer.

Manchmal klatschte auch keiner und die peinliche Stille verlieh der Nummer noch mehr Ausdruck.

≫Mein Gott, ist der Stuhl heute wieder glatt≪, schrie Helge, nachdem er immer wieder ebenfalls in Zeitlupe von dem roten Kunstledersessel gerutscht war.

Dann wurden die schönen Lieder gesungen.

Bei der Textzeile ›Nackte müssen wandern‹ in dem Lied ›Paris, Paris‹ rannten Kalle und Uwe so sekundenschnell nackt über die Bühne, dass man gar nichts sehen konnte.

Zum Abschluss gaben wir eine Freejazzeinlage.

Ich schrie in den höchsten Tönen, wurde mitten im Gesang von Helge erschossen und Uwe schulterte mich schließlich von der Bühne.

Einmal saßen in einer riesigen Halle nur fünf Leute. Als das Konzert vorbei war, wurden die Türen für die anschließende Discoveranstaltung aufgemacht und Hunderte von Menschen drängten sich in die Halle. Mit Mühe versuchten wir, die Instrumente rauszuschleppen, und die Leute waren richtig sauer auf uns, weil wir so gegen den Strom schwammen. Aber so war es nicht oft.

In den meisten Läden war es voll und die Stimmung war gut, denn da kannten sie Helge schon und wussten, was auf sie zukam.

 

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Gott schmiert keine Stullen von Eva Kurowski, rowohlt

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