Regenpause im Kreisverkehr

Es hatte geregnet, den gesamten Nachmittag über waren immer wieder schwere Wolken herangezogen und hatten sich über der Stadt erleichtert, hatten an Höhe gewonnen, vielleicht nur einige Meter. Sie waren weitergezogen. Weidende Giganten, die das Festland nur manchmal abends oder nachts als Nebelfelder kontaktieren, die auch schon mal die Gipfel der höheren Gebirge umfluten und diese abtasten. Herr Nipp konnte sich nur wundern, wie viel Feuchtigkeit sich über seinem Kopf immer wieder zusammentat. Wie lange konnte ein Nebelgebilde Tropfen produzieren? Sie schienen unendliche Kraft zu haben. Meist vergisst man, dass sie sich in den Raum erstrecken können, der Regen allerdings nur die Oberfläche einhüllt. Was sich da in Hunderten von Metern auftürmt, könnte allerdings ganze Seen füllen. Vor Jahren hatte er einmal ein Buch gelesen, das die einfache Kinderfrage aufgriff, wie schwer wohl eine Wolke sei. Natürlich hatte er die Antwort vergessen, sie konnte auch nicht wichtig sein. Wichtiger war immer, dass die Frage erstens gestellt, zweitens ernst genommen wurde.

Dann war plötzlich der Himmel aufgebrochen, wie es in aufwühlenden Epen der Trivialliteratur immer hieß. Tatsächlich schien es allerdings hier, als sei ein Stück aus der Wolkendecke herausgebrochen worden, von mächtiger Hand, einige Bruchstücke trieben vor blauem Himmel noch dahin. Ihre Farben leuchteten von kalkweiß bis rötlichgrau. Alles in Veränderung, allmählich, nicht ruckhaft. Sogar die Sonne ließ sich blicken, trocknete die Pfützen schneller, als zu dieser Jahreszeit gedacht. Herbst. Er stieg in sein kleines Auto, das er nicht gerne benutzte, Herr Nipp war nie ein guter Fahrer gewesen, fühlte sich unwohl in unübersichtlichen Situationen. Er fuhr nicht schnell, tuckerte meistens recht entschleunigt durch die Welt, wenn er dann aus der Stadt herauskam und die Strecken übersichtlich wurden, war er glücklich. Er tauchte dann mit forschendem Blick in die ländliche Realität und konnte sich an dieser riesigen Parklandschaft der deutschen Provinz berauschen. Jetzt allerdings wollte er einen Freund besuchen, wollte zum anderen Ende der Stadt. Doppelstadt, zwanghaft zusammengeführt in den sechziger Jahren. Man hatte in der letzten Zeit an vielen Stellen die Ampelanlagen durch Kreisverkehre ersetzt und tatsächlich war dadurch der Verkehrsfluss beschleunigt worden. Von durchschnittlich 15 Stundenkilometern, die samt Standzeiten entstanden, war man auf 22 geklettert. Das konnte durchaus als Erfolg verbucht werden. Insgesamt fünf dieser Kreisverkehre musste er passieren, entweder hübsch bepflanzt oder mit einem gesponserten Kunstwerk versehen. Schön, manchmal auch weniger, immer aber Denkanstoß oder Anlass zu Diskussionen. In den kleineren der Stadtteile hatte man einen Tag zuvor eine Platzgestaltung mit neun Figuren gestellt, die sich gruppierten, zusammen und auseinander strebten. Herr Nipp wollte einen kleinen Umweg fahren, sich das neue Kunstwerk mit dem ziemlich schwammigen Namen „Begegnung“ ansehen. Wie konnte man in der heutigen Zeit ein solches Wort als Titel verwenden, ein Unding. Es mussten Zahlen oder Formeln, andere kryptische Titel verwendet werden, dem Griechischen enteignet, mit Fragmenten der lateinischen Tradition versehen, vielleicht auch Zitate von berühmten und umso unverständlicheren Philosophen. Aber keine einfachen Substantivierungen von trivialen Verben.

Als er auf den Kreisverkehr zufuhr, sah er, dass auf dem Platz zwischen den Figuren ein Tisch aufgebaut war, mit Tischdecke, zwei Bänke standen davor, einige Weinflaschen fanden sich da. Die Pfützen des letzten Regengusses glänzten noch. Die Tafelnden hatten sich in die Regenpause gesetzt. Man hatte Käse und Brot, wahrscheinlich auch einige andere Speisen aufgetragen. Sechs Menschen saßen dort und hielten Picknick gehobenen Niveaus. Sie schwatzten und schienen glücklich. Autos fuhren manchmal mehrfach um den Kreisel, Fenster öffneten sich und Worte wurden gewechselt. Freundliche, manchmal auch neidvolle Kommentare, Hupen, begrüßend. Begegnung.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.