The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman

In diesem Sinne mach ich aufmerksam auf einen Mann, der die große Epoche reinerer Menschenkenntnis, edler Duldung, zarter Liebe in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zuerst angeregt und verbreitet hat. An diesen Mann, dem ich so viel verdanke, werd ich oft erinnert, auch fällt er mir ein, wenn von Irrtümern und Wahrheiten die Rede ist, die unter den Menschen hin und wider schwanken.

Johann Wolfgang von Goethe

Ich wollte, mein Vater oder meine Mutter, oder vielmehr beide (denn es war doch beider gemeinsame Pflicht) hätten ein wenig bedacht, was sie thaten, als sie mich in die Welt setzten. Hätten sie ernstlich erwogen, wie viel von dem, was sie vornahmen, abhienge, – daß es sich nicht allein darum handelte, ein vernünftiges Wesen hervorzubringen, sondern daß möglicherweise die glückliche Körperbildung und das Wohlbefinden dieses Wesens, vielleicht seine geistigen Fähigkeiten und die Eigenthümlichkeit seines Charakters, ja (wie kaum anders anzunehmen) wohl gar das Schicksal seines ganzen Hauses durch die Stimmungen und Neigungen, die zu jener Zeit in ihnen obwalteten, ihre Richtung erhalten würden; hätten sie alles das, sage ich, pflichtgemäß erwogen und demzufolge gehandelt, so würde ich – das ist meine feste Ueberzeugung – eine andere Figur in der Welt gespielt haben, als die ist, in welcher mich der Leser nun bald sehen wird. – Fürwahr, die Sache ist nicht so unwesentlich, als vielleicht Mancher glaubt. Wer hätte nicht schon von den animalischen Geistern gehört, und wie sie vom Vater auf den Sohn übergehen u.s.w. u.s.w.? Nun – verlaßt Euch auf mein Wort, – neun Zehntheil aller klugen oder dummen Streiche eines Menschen, seiner Erfolge oder Mißerfolge in dieser Welt hängt von den Bewegungen und der Thätigkeit dieser Geister, von der Art und Weise, wie sie in Gang gebracht werden, ab; denn sind sie einmal im Gang, dann ist nichts mehr zu machen, – gut oder übel, vorwärts geht’s wie toll, und da sie immer und immer wieder denselben Weg laufen, so giebt das bald eine Straße so glatt und bequem wie eine Chaussee, von der sie, wenn sie erst einmal daran gewöhnt sind, der Teufel selbst nicht wegtreibt.

»Hast du auch nicht vergessen, die Uhr aufzuziehen, lieber Mann?« fragte meine Mutter. – »Gott im Himmel!« rief mein Vater außer sich, aber mit gedämpfter Stimme, – »hat seit der Erschaffung der Welt wohl je ein Weib den Mann durch eine so alberne Frage gestört!« – – Bitte, was meinte Ihr Vater? – Nichts!

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Heute vor 300 Jahren wurde der Schriftsteller Laurence Sterne geboren. Der irische Humorist löste mit seinem Roman The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman 1759 einen Literaturskandal aus, weil der Autor alle Erzählkonventionen auf so kühne wie geistreiche Weise auf den Kopf stellt. Leben und Ansichten Tristram Shandys“ werden im Lauf der Handlung (?) aber kaum zum Gegenstand des Romans, sondern vielmehr die Ehefreuden seiner Eltern und das Liebesleben seines Onkels Toby. Das Buch ist eine ebenso wilde wie witzige Abschweifung über Ausschweifungen, Philosophie sowie über Familien-, Kunst- und Kriegsgeschichte in der Tradition von Rabelais und Cervantes. Als Romanheld bringt es Tristram Shandy nur bis zur ersten Hose, die den Kleinen damals im Alter von vier bis fünf Jahren angezogen wurde. Dafür beginnt seine Karriere früher als gewohnt,  gleich mit der Zeugung. Als Erzähler  führt er ein übermütiges Eigenleben, und trotz seinem bösen Husten ist er kein Griesgram. Er setzt sich die Narrenkappe auf, reißt hier ein Kapitel heraus, weil es so gut sei, dass alle anderen dagegen abfielen, läßt dort eine Seite frei, damit der Leser darauf ein Bild seiner Geliebten malen kann; verhökert mittendrin die Widmung des Werkes meistbietend, verstrickt sich stehenden Fusses in monströse Abschweifungen, setzt die buntesten fremden Textflicken ein und stellt immerzu die Chronologie auf den Kopf. Jede Linearität der Erzählung ist aufgekündigt; dafür werden wir ständig auf den Prozess, den Moment des Schreibens verwiesen. Das Medium ist die Botschaft. Seine Vorbilder sind Rabelais, Erasmus, Montaigne oder Burton. Die Diatribe des Letzteren gegen die grassierende Unsitte des Plagiats hat er wortwörtlich: plagiiert. Kein Wunder, daß ihn viele experimentierfreudige Romanciers der Moderne und Postmoderne als Ahnherrn betrachten. Arno Schmidt erklärte es zu einem der „zehn größten Bücher, die bisher in englischer Sprache geschrieben wurden“. Neben dem Rolls Joyce und Beckett sicher ein Fixstern am Literaturhimmel. Friedrich Nitzsche bezeichte ihn gar als Der freieste Schriftsteller.

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KUNO stellt diesen Meister der Abschweifung in die Ahnenreihe der Twitteratur. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist der Aphorismus in Form des Mikroblogging eine auflebende Form. Bestand die Modernität der lakonischen Notate bisher in ihrer Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne. Es ist Twitteratur. Der in der Schwebe gelassene Sinn, die Produktion von Ambiguität – was für Roland Barthes Brecht im Theater geleistet hat, indem er die Sinnfrage zwischen Bühne und Zuschauerraum neu verteilte – findet sich in dieser Kunstform wieder.