Dirty Speech, ein Recap

„Ich möchte zu dieser Art von Literatur, die hier bei der Gruppe 47, wie auch zu dieser eben vorgetragenen Prosa, einige Sätze bemerken, die ich im Verlauf dieser Lesung versucht habe aufzuschreiben. Ich bemerke, dass in der gegenwärtigen deutschen Prosa eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht. Man sucht sein Heil in einer bloßen Beschreibung, was von Natur aus schon das Billigste ist, womit man überhaupt Literatur machen kann. Wenn man nichts mehr weiß, dann kann man immer noch Einzelheiten beschreiben. Es ist eine ganz unschöpferische Periode in der deutschen Literatur angebrochen und dieses komische Schlagwort vom „neuen Realismus“ wird von allerlei Leuten ausgenützt um doch da irgendwie ins Gespräch zu kommen, obwohl sie keinerlei Fähigkeiten und keinerlei schöpferische Potenz zu irgendeiner Literatur haben“

Peter Handke auf der Tagung der Gruppe 47 1966 in Princeton

Vor der Auslieferung seines Erstlingsromans im Frühjahr 1966 machte Peter Handke, der damals eine Pilzkopf-Frisur im Stil der Beatles trug, durch einen spektakulären Auftritt auf einer Tagung der Gruppe 47 in Princeton auf sich aufmerksam. Nach stundenlangen Lesungen zeigte er sich angewidert von den Werken seiner etablierten Kollegen und hielt eine längere Schmährede, in der er die „Beschreibungsimpotenz“ der Autoren beklagte und auch die Literaturkritik nicht verschonte, „die ebenso läppisch ist wie diese läppische Literatur“. Mit dieser Rede hatte er zugleich einen Tabubruch begangen, da es auf den Treffen der Gruppe 47 unüblich war, allgemeine Grundsatzdebatten über literarische Themen anzuzetteln. Grundlage der Gespräche sollte immer der jeweilige Text bleiben, nicht das Wesen von Literatur an sich. Eine erhaltene Tonbandaufnahme zeugt davon, dass Handke Gelächter, Gemurmel und Zwischenrufe erntete, und obwohl er einige Kollegen, unter ihnen Günter Grass – wie sich an deren späteren Kommentaren zeigte – durchaus getroffen hatte, wurde seine Kritik von anderen Teilnehmern vereinnahmt, umformuliert und – etwas abgeschwächt – wiederholt. Handke hatte das literarische Establishment ins Mark getroffen.

Eine globale Empfindsamkeit beginnt sich anzudeuten, wie sie auch in den Studentenaufständen überall wirksam wird. Es ist ein Aufstand gegen die dreckigen Bilder, die andere dreckige Bilder nach sich ziehen und so lange als einzig ›wahre‹ Bilder verstanden wurden: gegen den mörderischen Wettlauf, konkurrenzfähig zu sein, gegen den besinnungslos hingenommenen Gewaltakt, gegen das Auslöschen des Einzelnen in dem alltäglichen Terror. Die alltäglichen Dinge werden vielmehr aus ihrem miesen, muffigen Kontext herausgenommen, sie werden der gängigen Interpretation entzogen, und plötzlich sehen wir, wie schön sie sind.

Rolf Dieter Brinkmann

The Notorious R.D.B.

Im Jahr 1969 gab Rolf Dieter Brinkmann mit „Acid“, eine Anthologie amerikanischer Beatliteratur heraus. Es lag in seiner Absicht, die bürgerliche Moral zu brüskieren, lyrische Formen zu banalisieren, den Alltag zum Thema zu machen und Sex, Brutalität, Perversion als Sujets zu akzeptieren. Brinkmanns Schaffen ist stark von der amerikanischen Pop Art beeinflusst und stellt einen Kontrapunkt zu der um 1970 dominierenden Forderung nach einer ›politisierten‹ Literatur dar. Brinkmanns Dichtung will eine neue Art von Subjektivität und Sensibilität bewirken, in der die elitäre Hochkultur konterkariert wird. Der Dirty Speech steht im Spannungsfeld von politischem Engagement und subjektiver Sensibilisierung. Einen gemeinsamen Nenner bildet dabei das Postulat der ›Befreiung‹: von materiellen/gesellschaftlichen Strukturen des Staates bzw. von der Disziplinierung durch die Elite-Kultur. Direktes Vorbild dieser Literatur ist die US-amerikanische Beat-Poetry seit den 50er Jahren. Ihr Ziel ist die Attacke auf gutbürgerliche Hochkultur: „total assault on the culture“ (Ed Sanders) verdeutlicht. Der Dirty Speech dient der Provokation des guten Geschmacks. Das zentrales Schlagwort ist „Neue Subjektivität“: die Befreiung von eingeschliffenen Wahrnehmungsmustern bzw. das Aufsprengen der Tabuisierungen. Das verbindet Brinkmann mit dem frühen Peter Handke, der in den 1960er Jahren ein ähnliches Konzept vertritt.

In meinen Erzählungen lernen wir Untote kennen, die in der Liebe Erlösung suchen. Diese Darsteller des niederen Selbst verkaufen sich oder lassen sich kaufen, sie handeln mit Vertrauen, Gefühlen, Sex. Die Zombies sind umgeben von kritikloser Selbstdarstellung und hemmungslosem Konsum, unersättlicher Raffgier, bodenloser Ignoranz und oberflächlichem Narzissmus. Uneingeschränkte Freiheit fällt mit absoluter Einsamkeit zusammen.

A.J. Weigoni

A.J. Weigoni, Photo: Anja Roth

A.J. Weigoni ist mit der für ihn typischen Neugier auf der Suche nach dem Banalen. Er spitzt in den Erzählungen Zombies auf seine Weise zu, dass Banalität zunehmend das Maß des Alltäglichen wird; er legt mit seinen Formulierungen die brutalen Implikationen des Normalen frei. Diese Prosa geht über die Imitation von Realität hinaus. Wirklichkeit ist bei dieser Art von Prosa eine Kombination von Distanz und Nähe, von Künstlichkeit und Wahrhaftigkeit, vor allem aber von Ekel und Faszination: etwas, das man sehen möchte, obwohl man eigentlich gleichzeitig lieber weglaufen möchte. Weigonis Sprache ist immer an der Grenze zum Erträglichen ist; überschreiten wird er diese Grenze nicht. Poesie und Härte, Abscheu und Einfühlsamkeit fasst er zu einer ungewohnten Einheit zusammen. Das schafft Aufmerksamkeit, ist allerdings keine Effekthascherei. Weigonis literarische Arbeit orientiert sich nicht an Kommerzialität. Das sichert ihm die innere Freiheit zu Kontinuität, die für seine Poesie einen hohen Stellenwert hat.

Weigonis Sensibilität und Wahrnehmungsschärfe, seine sprachliche Phantasie, ätzende Genauigkeit und sein untergründiger Witz scheinen in der konzentrierten Gattung der Erzählung einen besonders fruchtbaren Boden gefunden zu haben. Die Erzählungen machen uns glauben, dass sich das ganze Leben in einem einzigen kurzen Moment der Hellsicht ändere. Als Schriftsteller ist Weigoni ein Sprachspieler. Sein Material ist die deutsche Sprache, er verbindet der Versuch, diese aus der Floskel zu befreien. Wir finden Vorstudien zum Buch Zombies von A.J. Weigoni bereits in den sogenannten Gossenheften. Die ausgearbeiteten Erzählungen kontern den moralischen Imperativ, dass Erzählen etwas Gutes sei. Mit dem Begriff Erzählung ist hier eine Gattung gemeint, die schnell auf den Punkt kommt, dabei mit anderen Geschichten vernetzt ist. Handlungsverlauf bzw. Entwicklung wird nicht chronologisch und durchgängig aus einer Perspektive vorgestellt, Nebenfiguren tauchen in dieser Verwahrlosungsrevue als Hauptfiguren auf. Damit wird diesem Buch jedoch nicht das restmoderne Etikett „Roman in Erzählungssegmenten“ angepappt: Zombies ist ein komponierter Erzählungsband.

 

 

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Publikumsbeschimpfung von Peter Handke wurde am 8. Juni 1966 in Frankfurt am Main im Theater am Turm unter der Regie von Claus Peymann uraufgeführt.

ACID. Neue amerikanische Szene. Hg. Rolf Dieter Brinkmann, mit Ralf-Rainer Rygulla. März, Darmstadt 1969

Zombies, Erzählungen von A. J. Weigoni, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2010.

Weiterführend Lesen Sie auf KUNO eine Betrachtung der Jugendsünden des RDB. Einen Besuch des RDB-Hauses, von Enno Stahl. Auch Sophie Reyer hat sich in der Domstadt auf die Spuren von RDB begeben. Einen Artikel über Das wild gefleckte Panorama eines anderen Traums, Rolf Dieter Brinkmanns spätes Romanprojekt, von Roberto Di Bella. Und die Beantwortung der Frage: „Wer hat Angst vor RDB? durch Axel Kutsch. Theo Breuer gelingt es, dem Mythos nachzuspüren, eine angemessenere Huldigung Rolf Dieter Brinkmanns wird man auch in diesem Online-Archiv kaum finden!

Coverphoto: Anja Roth

KUNO übernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus Neue Rheinische Zeitung und von Jo Weiß von fixpoetry. Enrik Lauer stellt den Band unter Kanonverdacht. Betty Davis sieht darin die Gegenwartslage der Literatur, Margaretha Schnarhelt kennt den Ausgangspunkt und Constanze Schmidt erkennt literarische Polaroids. Holger Benkel beobachtet Kleine Dämonen auf Tour. Ein Essay über Unlust am Leben, Angst vor’m Tod. Für Jesko Hagen bleiben die Untoten lebendig.