Prægnarien – Wort- und Medienkompositionen

6. April 2013
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A.J. Weigoni, in puncto moderner Sprachtheorie und Ästhetik ganz auf der Höhe, setzt die verdinglichten Wendungen und Sprechhaltungen kritisch gegeneinander… Seinem zornigen Elan fehlt es bei alledem nicht an Pathos und Sehnsuchtsausdruck. Unversehens entsteht bei dieser linguistischen Abräumarbeit ein faszinierender Phantasieraum eigener Art.

Prof. Dr. Franz Norbert Mennemeier

Auf diesem Hörbuch der Edition Das Labor sind grenzüberschreitende ‚artIQlationen’ zwischen unterschiedlichen Artisten auf analoger Basis zu hören. Als gegenseitig befruchtender Dialog zwischen bildender Kunst, improvisierter Musik und sprachlicher VerDichtung sollte man das spartenübergreifende Projekt Prægnarien verstehen. Hieß es einst „Wer nicht hören will, muß fühlen.“, könnte man nun behaupten „Wer leben will, muss wahrnehmen.“ Auf allen Ebenen.

 Was diese Artisten verbindet ist das Papier.

Auf dem Cover finden wir paßgenau hingetuschte Porträts.

Idiosynkrasie, schrieb Jürgen Habermas in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“, ist privatistisch und irrational. Letzterem zumindest scheinen Philipp Bracht, A.J. Weigoni und Haimo Hieronymus zuzustimmen, wenn sie über ihr Projekt Prægnarien sagen, es habe nichts mit Logik zu tun. Haimo Hieronymus mag das Individuelle des Strichs, empfindet im Glattgebügelten reiner Ideenkunst beliebige Langeweile und gähnende Austauschbarkeit. Weigoni verachtet die Bewertungskultur der Medien. Der Posaunist Philipp Bracht spielt Noten abseits der vorgeschriebenen Linien. Weder in der Malerei noch in Poesie und Musik ist Lebendigkeit eine Voraussetzung für unser Staunen, daher wollen diese Artisten als Künstler nicht bewundert, sondern in treusorgender Ironie betrachtet werden, ein Augenzwinkern ist nicht ausgeschlossen.

 Für diese Artisten ist das Künstlerbuch eine Partitur, die es in Konzerten der Sprache aufzuführen gilt.

Philipp Bracht

Der Leser ist im Grunde immer ein Zuhörer. Er kann nicht ausweichen. Der Ton des Textes trifft ihn, eifersüchtig, obsessiv, unbarmherzig. In der künstlerischen Auseinandersetzung treffen sich Bracht, Hieronymus und Weigoni regelmäßig an der Grenzlinie, dort, wo Schrift in Zeichnung, und auch in Klang übergeht. Es geht bei dieser Performance um die Sehnsucht nach Körperlichkeit, sinnlicher Unmittelbarkeit. Kein anderer Klang lebt so sehr vom Atem. Keine andere Musik verlangt ähnlichen körperlichen Einsatz. Bläser und Angeblasene verschmelzen zu einer Einheit, werden Teil eines großen atmenden Klangkörpers. Keine Maschinen, sondern allein die Lungenzüge geben den Rhythmus vor.

 Diese Texte muss man akustisch aufnehmen. Weigoni liest sehr gekonnt und in solch einem gut langsamen Tempo, dass ich mich dabei ertappt habe, in den Zwischenräumen das nächste Wort erraten zu wollen, was mir manchmal gelungen ist. So macht er wirklich neu auf Sprache aufmerksam.

Dr. Christiane Schlüter, Bücher-Wiki

Ergänzt wird die Live-Aufnahme aus dem Theater im Bogen (Arnsberg) durch Hörspielereinen von Frank Michaelis und A.J. Weigoni. Es ist ein Wagnis vor dem Mikrofon zu bestehen, eine Gefahr zu meistern. Die Kunst gewinnt aus der Bedrohung etwas Neues, einen Überlebenston, dem man in Zuneigung verfallen kann, weil er sich weder für die Tragödie noch für die Komödie entscheidet. Den aggressiven Bezichtigungston sollte man auf keinen Fall mit der zärtlichen Verzweiflungklarsicht zu verwechseln. Weigoni und Michaelis veranstalten ein furioses Stimmenkonzert aus Reimen und Kalauern, den Tücken der deutschen Grammatik und ihren Wortzusammensetzungen. Es gibt in diesen Gedichten Buchstaben als etwas Hörbares. Weigoni ist ein exzeptioneller Lyriker und Performance–Künstler, im Sprechen liefert er seinen Existenzbeweis, das Sprechen und Schreiben, jener hochmusikalische Rhythmus der Wiederholung wird zum einzig möglichen Aufschub gegen den Tod. Beinahe verschwörerisch rezitiert Weigoni seine Wortfelder und Frank Michaelis bläst ein Saxophon, dessen bewußt blecherne Schwüle leicht eine ganze New Yorker U–Bahn–Station unterhalten könnte. Keinen Millimeter Abstand hat Michaelis zum Text halten müssen. Nichts hat er verschludert. Selbst die Atemlosigkeit nicht. Michaelis Hommage an Thelonious Monks Well you need’nt ist ein Resümee, das in der eleganten und weitläufigen Stimmführung Weigonis paradoxerweise nicht wie Resignation, sondern als ideales psychisches Gleichgewicht daherkommt. Weigoni liefert den Beweis, wie klug das Textverstehen einer poetischen Performance sein kann. Wir Zuhörer sind geradezu angewiesen auf jemanden, der gekonnt rezitiert. In Düsseldorf arbeiteten Weigoni und Michaelis im Kunstakademie-Umfeld als Hörbuchpioniere, sie produzierten sogenannte LiteraturClips zu einer Zeit, als Marketingspezialisten den Claim Hörbuch noch nicht einmal erfunden hatten. A.J. Weigoni kommt damit das Verdienst zu, die Lyrik nach 400 Jahren babylonischer Gefangenschaft aus dem Buch befreit zu haben.

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Prægnarien, Künstlerbuch von Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni, erhältlich über Werkstattgelerie Der Bogen, 02932 / 203 130

Prægnarien, Hörbuch von Philipp Bracht, Frank Michaelis und A.J. Weigoni. Eine limitierte Auflage von 50 Exemplaren ist versehen mit einem Original von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, Mühleim an der Ruhr 2013

Bilder der Prægnarien-Performance von Philipp Bracht und A.J. Weigoni sind hier zu sehen. Probehören kann man auf MetaPhon. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni hier.

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Das Magazin Kulturnotizen (KUNO) reflektiert entstehende Kunst, Musik und Poesie + Online-Archiv. Mehr Informationen.

630 – Booklet

Mit den Vignetten definierte A.J. Weigoni eine Literaturgattung neu. Das von Tom Täger und Peter Meilchen flankierte Re:make erfolgt zur Jahresgaben-Ausstellung des Kunstvereins Linz (15. Dezember, ab 16:00 Uhr) als Booklet 630.

Künstlerbücher + Curiosa

Zum Thema Künstlerbucher hier ein Essay. Vertiefend das Kollegengespräch von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.

Ein Gesamtkunstwerk

Das lyrische Gesamtwerk von A.J. Weigoni im "Schuber"

Jeder Band aus dem Schuber von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk! KUNO fasst die Stimmen zu dieser verlegerischen Großtat zusammen.

Ohrenzwinkern

Coverphoto: Leonard Billeke

Die Germanistik erweist sich dem Rundfunk gegenüber als schwerhörig. Dieser „déformation professionelle“ entkommt die Reihe MetaPhon. Hier sind Facetten der multimedialen Kunst zugänglich.

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Edition Das Labor

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