Vom Pixel aufs Papier

Das Netz hat unser Denken verändert, und damit auch die Literatur. Dichtung ist immer ein Suchen, Versuchen, Verzweifeln, Irren und Überformen. Mit der Arbeit am Computer ist der Text jedoch weich geworden, man mag nimmer aufhören mit dem Überformen.

Meine Novellen beschreiben einen Prozess der Internalisierung von Technologie, das Internet als Teil von uns – geistig, und vor allem körperlich. Das geschieht vor allem durch das personalisierte Internet der Algorithmen, ohne dass wir es merken. Wenn der Leser dieser Zeilen bei einer Suchmaschinen nach demselben Begriff suchen, bekommen wir nicht unbedingt dieselben Ergebnisse geliefert, denn die Algorithmen rechnen im Hintergrund alle Informationen ein, die es über uns im Netz gibt, und die unterscheiden sich noch. Diese so genannten ‚Sozialen Medien’ liefern uns unterschiedliche, aber passgenaue Angebote, die Voraussetzung und Bestandteil unseres Entscheidens und Handelns werden.

Die angeblich unumgängliche Notwendigkeit des privaten Gebrauchs neuer Technologien, ohne die man bis vor kurzem ohne weiteres leben konnte, rationalisiert oft unbewusste psychische Impulse. Das Problem dieser Kommunikationstechnologien scheint mir, dass diese den Menschen eine Entscheidungsfreiheit suggerieren, die dabei zugleich verloren geht. Jede populäre neue Technik ruft zunächst massenhafte kulturelle und geistige Analphabetisierungen hervor, die erst wieder überwunden werden müssen, ehe nicht nur wenige die ideellen Potentiale der technischen Entwicklung ausschöpfen können.

Unter Germanisten wird die Debatte über das, was im Internet passiert, rückständig geführt. Es gibt eine Ideologisierung von Verfechtern und Gegnern des Internets, daher findet keine kulturkritische Debatte statt. Wir verstehen nicht, dass es um den Eintritt in eine neue Zivilisationsstufe geht. Es geht nicht um eine neue Technik oder eine neue Kommunikationsplattform, wir müssen hinterfragen, was von uns als Individuum übrig bleibt. In Cyberspasz, a real virtuality radikalisiere ich das Problem so, dass wir am Anfang einer Zukunft stehen, die ohne uns auskommt.

 

* * *

A. J. Weigoni, Cyberspasz, a real virtuality, Novellen, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2012.

A. J. Weigoni, Zombies, Erzählungen, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

A. J. Weigoni, Vignetten, Novelle, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2009.

Covermontage: Jesko Hagen

Anmerkung der Redaktion: Eine erste Reaktion auf Cyberspasz, a real virtuality kann man auf kukultura-extra nachlesen, zusätzlich kann man einen ausführlichen Essay als E-Book auf Bookrix herunterladen und ein Hintergrundgespräch auf Lyrikwelt.de lesen. Ein nicht minder lesenswerter Essay findet sich auf fixpoetry. Eine Leseprobe findet sich hier und Probehören kann man eine Rezitation von A.J. Weigoni auf MetaPhon die durch Tom Täger vertont wurde.