Aufzeichnungen nach 2000 (4)

Sie wiederholen sich: Tage ohne Briefe.

* * *

»Widmen Sie nicht zuviel«, sagte Gottfried Benn in seinem Ton­fall, als ihm 1950 der junge Lyriker Wolfgang Bächler seinen ers­ten Ge­dichtband Die Zisterne überreicht hatte. Jedoch nicht Bäch­ler, ich habe später Benns ironischen Imperativ befolgt.

* * *

Würden wir, wie früher, als Sklaven auf dem Markt verkauft, käme zutage, wie hoch oder niedrig die Mitmenschen uns taxieren.

* * *

Schriftsteller, die Stendhal bewundern – ich zähle Canetti und Nos­sack dazu –, sollten nicht übersehen, wie himmelhoch er dennoch über ihnen schwebt. Und welcher Schriftsteller heute, überwacht von kriti­schen Medien, dürfte sich seine Maskenspiele und Schwindeleien erlauben?

* * *

Eine Freundschaft, die ohne Geständnisse auskommt.

* * *

Ungeniert bekennen Dichterinnen und Dichter, wie und wo sie zu sterben wünschen. Es gab vor Jahren sogar eine eigene Anthologie, worin sie in bestellten Beiträgen ihre Wünsche ausbreiteten. Auch ich war aufgefordert, habe jedoch abgesagt. Besser man schweigt über den kommenden Tod. Nur zu sich selber darf man darüber sprechen. Und welche Vermessenheit, die Art, wie der Tod sich vollziehen soll, vorherzusagen.

* * *

Montaigne wünschte »lieber als im Bett zu Pferd« zu sterben. Er starb im Bett, an Asthma erstickt.

* * *

Am trägen Wochenende packt mich die Lust, nach fünfzig Jahren Hemingways Roman Über den Fluß und in die Wälder wiederzu­lesen. Ich will mich zurückversetzen in jene Stimmung, die He­mingways Bücher damals, und nicht nur bei mir allein, weckten. Überprüfen, wie sich dieser Roman, der bei seinem Erscheinen mehr geschmäht als gerühmt wurde, heute liest. O ja, die von Sen­timentalität triefenden Dialoge zwischen dem amerikanischen Oberst und der venezianischen Contessa lesen sich nun wie eine Hemingway-Parodie. Schön bis heute bleiben seine Winterbilder der Stadt, zum Beispiel der Gang des Protagonisten über den Markt am Rialto, den auch ich jedes Mal ging, vor allem die Fische und Meeresfrüchte zu bestaunen! Zwei, drei Sätze habe ich damals mit Bleistift angestrichen, darunter diesen über die Wirkungslosig­keit selbsterlebter Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg: »Man könnte Tausende erzählen und würde keinen Krieg verhindern.« Inzwischen ist der Beweis erbracht.