„Wird Deutschland sich je von Grass‘ lyrischem Erstschlag gegen Israel erholen?“

fragt sich der Perlentaucher und trägt die Reaktionen zusammen.

Robert Menasse schreibt auf news.at zum Grass-Skandal: „Jeder Redakteur jeder Literaturzeitschrift heute hätte dieses ‚Gedicht‘ abgelehnt. Der eigentliche Skandal liegt darin, dass fünfzehn deutsche Zeitungen und fünfundzwanzig Blätter der Weltpresse diesen Text publizierten und ihn sofort mit aufgeregten Kommentaren umrankten. Das zeigte mit einer Deutlichkeit, die zwar wünschenswert, aber doch buchstäblich furchtbar ist, wie sehr solche Skandale heute Medienskandale sind: Die Medien produzieren selbst den Skandal, den sie dann berichten.“

„Wenn der Grass-Text ein Gedicht sein soll“, so Sybille Lewitscharoff in der FAZ, „dann habe ich gerade nach Verzehr einer Forelle mit Hilfe von zwei, drei melodischen Fürzen eine neue Matthäus-Passion komponiert.“

Frank Schirrmacher schreibt gleichfalls in der FAZ mit einer luziden Gedichtanalyse von Günter Grass‘ „Gedicht“:

„Man muss sich klarmachen, was dieser Meister der Sprache assoziativ aufruft. Es spricht ein potentiell ‚Überlebender‘, der ‚allenfalls Fußnote der Geschichte‘ sein wird, wenn man Israel nicht Einhalt gebietet. Im semantischen Kontext dieses Gedichts raubt er sich das Wort ‚Überlebende‘ und damit die moralische Autorität der überlebenden Verfolgten des Dritten Reichs.“

Thomas Steinfeld laviert in der SZ im Krebsgang um den im eigenen Feuilleton veröffentlichten lyrischen Erstschlag Günter Grass‘ Richtung Israel herum:

„Günter Grass irrt, nicht immer, aber immer wieder.“ Und so irre Grass eben auch hier, aber nicht nur, aber schon auch. Vor allem aber: „Veröffentlichen heißt ja nicht zustimmen“, schließlich habe man vor zwei Monaten im eigenen Blatt auch Avi Primor eine gegenteilige Sicht veröffentlichen lassen.

Tilman Krause versucht in der WELT zu erklären, was an Günter Grass‘ „Gedicht“ so erschreckt:

„Wer ‚Was gesagt werden muss‘ genauer liest, der wird eine solche Fülle von Denkfiguren und Sprachformeln finden, die ihre Herkunft aus der NS-Ideologie nicht verbergen können, dass man leider sagen muss, dieses Dokument, angeblich vom Autor ‚mit letzter Tinte‘ geschrieben (will sagen: mit ersterbender Kraft quasi als Vermächtnis verfügt), bringt es endgültig an den Tag: Hier kann sich ein Mensch von den intellektuellen Prägungen seiner Jugend offenbar nicht lösen.“

Unter der Überschrift „Der an seiner Schuld würgt“ unterzieht Micha Brumlik Günter Grass‘ in der taz für Furor sorgendes Gedicht „Man könnte also sagen:

„Der Grass von 2012 ist schlimmer als ein Antisemit, da er mit sich, seiner und der deutschen Geschichte in einer Weise unaufrichtig umgeht, die nicht nur traurig stimmt, sondern auch politisch verhängnisvoll ist.“

Im Interview mit Martina Doering bedauert Israels Ex-Botschafter Avi Primor in der FR zwar, dass Günter Grass offenbar sein Leben lang seine Kritik an Israel zurückgehalten hat, erklärt dann aber:

„Günter Grass schätzt den Konflikt mit dem Iran falsch ein. Er versteht nicht, worum es hier geht. Israel ist der einzige Staat auf Erden, der offen mit Vernichtung bedroht wird – und zwar von der iranischen Führung.“

„Ach, Grass“, Sie sind doch kein Antisemit, möchte Chefredakteur Uwe Vorkötter im Leitartikel der FR am liebsten rufen, traut sich dann aber doch nicht:

„Wenn er kein Antisemit ist, warum verwendet Günter Grass ausgerechnet jenes Stereotyp, das ihm als antisemitisch geläufig sein muss: Man darf das ja eigentlich nicht sagen, aber jetzt muss es mal sein. So kennen, hören und lesen wir sie, die Rechten, Nationalen, verdrucksten Spießer, die aggressiven Glatzen. Und jetzt auch Grass.“

Der israelische Historiker Tom Segev wirft Grass im Interview mit Sebastian Hammelehle in SPON vor, dass er:

„Israel und Iran auf eine Stufe (stellt). Der Unterschied ist, dass Israel im Gegensatz zu Iran noch niemals erklärt hat, dass es irgendein Land von der Weltkarte streichen will, während Iran Tag und Nacht verspricht, dass man Israel aus der Welt schaffen will. Was soll das mit der Auslöschung des iranischen Volkes?“

Ja doch, Grass‘ gestrige Lyrikbombe hat durchaus ihre antisemtische Seite, meint Malte Lehming im Tagesspiegel:

„Grass kennt sein Land, er kennt die Menschen, kennt ihre Gefühle und Ressentiments. Er weiß, dass eine Mehrheit der Deutschen in Israel eine Gefahr für den Weltfrieden sieht. Er weiß, dass man hierzulande, wenn’s um Juden geht, die Fakten auf den Kopf stellen muss, um tosenden Beifall zu erheischen. Also nicht sagen, wie es faktisch ist: Der Iran droht Israel mit atomarer Auslöschung, sondern, wie es dem Unterbewusstsein besser passt: Israel droht mit Auslöschung des iranischen Volkes.“

Verdruckst und peinlich nennt in der NZZ Joachim Güntner Grass‘ Portestgedicht. Dabei lässt er sich intelligente Kritik am israelischen Kurs, etwa von David Grossman, gern gefallen:

„Er hat einen Blick für die skandalöse Kälte, mit welcher die militärischen Planspiele die Opfer unter der Zivilbevölkerung Irans ignorieren. Auch weist er darauf hin, wie dumm es ist, die aufgeklärten Iraner, die ja oft Gegner des Regimes sind, zu Feinden Israels zu machen. Vielleicht kommen sie ja irgendwann ans Ruder? Grossman lieferte eine dezidierte politische Analyse. Grass schreibt ein schwammiges politisches Gedicht. Der Präzeptor Germaniae nutzt die Lyrik, um ichsüchtig und undifferenziert sein zu dürfen.“

Ein Tweet von Sascha Lobo: „Das mit dem Schweigen hat Günter Grass zum Thema Waffen-SS irgendwie besser hinbekommen.“

Und einer von Bov Bjerg: „#Grass – better smoked than read“.

Mario Sixtus erwägt unterdessen „künftig mehr Zeilenumbrüche in seine Texte zu hacken und sie dann Gedichte zu nennen.“

Derweil schaut Peter Glaser auf Facebook Fernsehen: „Da Hamas: n-TV Laufband – ‚Grass greift Israel an'“.

Richard Wagner schreibt in der Achse des Guten: „Israel als den Hauptstörfaktor in Sachen arabischer Normalisierung darzustellen, bedeutet letzten Endes, auch in der Grass-Formel von der internationalen Kontrolle der israelischen Bombe, de facto, seine Entwaffnung. Seine Entwaffnung aber wäre die Aberkennung des Rechts auf Selbstverteidigung, und damit die Aberkennung des Existenzrechts Israels.“

Der Diplomat Emmanuel Nahshon teilt zur Causa Grass mit:

„Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. … Wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist.“

Und noch ein Nachklapp:

  • Reich-Ranicki: ekelhaft
  • Biermann: stümperhaft (er nennt das auch “dumpfbackigen Polit-Kitsch” und “literarische Todsünde”)
  • Hochhuth: anmaßend
  • Westerwelle: absurd (der Außenminister spricht ebenfalls von einer “literarischen Todsünde”)

Die Wiener Presse meint:

„Meinungsmacher mögen angewidert sein von der antiisraelischen “Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen”-Lyrik des deutschen Nobelpreisträgers. Die Masse ist auf der Seite von Günter Grass.

Günter Grass verblüfft nicht nur mit seiner Ahnungslosigkeit. Fast mehr noch nervt seine lächerliche Pose als Draufgänger, der es endlich wagt, das Schweigen zu brechen.“

 

Es schaut so aus, als hätte die Rekanonisierung dieses Autor bereits zu Lebzeiten begonnen.