Botschaften aus dem Land der Morgenstille

„Close your eyes and see“, forderte Nam June Paik mit der Installation „Global Groove“ und fordert eine innere Versenkung als die Abkehr von der Oberflächlichkeit. Paiks Aufforderung lässt sich auch im Medienzeitalter verstehen: als Einladung nämlich, alltägliche Bilder und Gedanken eine Zeit lang auszublenden, um die Sinne für etwas anderes, Neues oder auch „unerhört Visuelles“ zu schärfen.

Im alten Korea gab die Liebe zur Poesie den Maßstab dafür ab, ob jemand gebildet war oder nicht. Heute werden Kenntnisse der Lyrik nur für die Schulprüfungen benötigt, was gewiss einen Abstieg bedeutet. Die Gegenwart ist mehr das Zeitalter der Prosa, besonders der Romane, so dass die Lyrik immer mehr an Bedeutung verliert. Trotzdem erfreut sich die Lyrik in Korea im Vergleich zu den deutsch- und englischsprachigen Ländern dank der Tradition einer grossen Beliebtheit. In der koreanischen Gegenwartslyrik lassen sich zwei grosse Richtungen ausmachen. Die eine zielt darauf, die traditionelle Lyrik durch neue Sujets und Stilelemente behutsam zu bereichern und zu erneuern. Man will so die Kontinuität der alten Lyriktradition erhalten. Die andere stellt dieses Bestreben als solches in Frage. Vor allem die junge Generation zeigt wenig Interesse an Überliefertem. Vergleichbar ist vielleicht die heutige Entwicklung in Korea mit dem Aufkommen des Expressionismus um 1900 in Deutschland. Die jungen koreanischen Lyriker scheinen wenig an der Interaktion mit den Lesern interessiert zu sein. Diese Entwicklung verschärft die gegenwärtige Krise der Lyrik zusätzlich.

Indem Lee Gi-Hyung die Wiedervereinigung Korea beschwört, verausgabt er sich im Suchen des Gesagten, der sich erschöpft hat am tosenden Lärm der Welt. Die wahre Tragödie ist es, keinen Ort zu haben als im Wort, in der selbst erschaffenen Sprache, und diesen einzigen Ort zu verlieren noch vor dem physischen Tod, verstummt oder vergessen zu sein. Dieser Lyriker beschwört die Verschwundenen und Seelenverwundeten der koreanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, er sucht die Vergessenen und die Unvergessenen, die von den Geliebten Verlassenen und die von allen guten Geistern liegengelassenen. Er hantiert mit verschiedenen Wahrheiten und Irrtümern der Geschichte. Die Beschleunigung der Lebenszyklen macht unkenntlich, was aus der Zeitperspektive der Jugend noch als Gewinn verbucht werden konnte: sich zum Auge der Welt machen, alles Lebendige dem Bewußtsein einverleiben, das Sammeln und Horten von zerebralen Schnappschüssen. Lee Gi-Hyung sucht in seiner Dichtung jene, die nicht gefunden werden wollen und jene, die auf nichts Anderes hoffen; er sucht sie an den Rändern der Geschichte. Doch dieser Lyriker sucht weiter, sucht zwischen den Zeilen und den Augenblicken. Und er sucht dabei auch sich selbst, weil er gar nicht anders kann, weil die Gedanken nicht stehen bleiben können, weil er im Stillstand nicht stehen bleiben kann, sondern nur in der Stille. Dieser Lyriker hat den Worten ihren Herzschlag abgehört hat, bevor er sie in jene Welt schickte, die ihn in der Stille des Überhörten zurückließ. Geschenkte und verlorene Zeit sind kaum noch auseinanderzuhalten, wenn sie zu Metaphern der Leere werden. Lee Gi-Hyung schlägt in dieser eingenordeten Welt immer in die gegensätzliche Richtung aus. Er ist jemand, der steht, wenn die anderen sich niederlassen und hocken bleiben auf ihren vier Buchstaben. Dieser Dichter sucht das Unsichtbare im Offensichtlichen, macht sich die Wahrheit unbequem, er sucht nicht nur, um zu finden, sondern findet, um zu suchen. Und nie würde Lee Gi-Hyung die Hoffnung aufgeben.

In diesem Zusammenhang erlaube ich mir abschliessend einen Hinweis auf die in Seoul geborene Woon–Jung Chei. Sie studierte Germanistik und Philosophie an der Heinrich–Heine–Universität in Düsseldorf und nahm danach das Studium der Sozialwissenschaften an der Gerhard–Mercator–Universität in Duisburg auf. Neben zahlreichen Veröffentlichungen in deutschen und koreanischen Literaturzeitschriften und Anthologien hat sie mehrere Bücher in Deutschland veröffentlicht. Ihr Anliegen ist es, dem deutschen Publikum eine Hilfe zum besseren Verständnis dieser fremden Kultur zu bieten. Für diese Kulturvermittlung bedient sich Chei aus unterschiedlichen Quellen und fächert die kulturellen Facetten ihres Landes sehr unterschiedlich auf.

 

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Die Sterne über dem Land der Väter, von Ko Un, Suhrkamp

Die Laudatio von Woon–Jung Chei befindet sich hier.