Hübsch • Revisited

7. März 2012
Von

Lebenszeichen

Über ein Lebenszeichen von Dir würde ich mich freuen, lese ich in Hadayatullahs letztem handgeschriebenen Brief, den ich am 21. September 2010 erhalte, worauf ich mich umgehend mit ihm in Verbindung setze, um mich für das in jenen Tagen im von Miriam Spies (die ich, völlig überraschend, beim hochlebendigen, farbenfrohen RDB-Tag am 30. Juli in Sievernich bei Zülpich kennenlerne) geführten Mainzer Gonzo Verlag erschienene Gedichtbuch Marock’n’Roll zu bedanken, in dem ich den Brief und eine zu Herzen gehende Widmung finde: für Theo Breuer in Würdigung um seine Verdienste um die deutsche Lyrik.

Mensch, Hadayatullah, das hat mich sehr, sehr gefreut, und das habe ich Dir dann ja auch am Telefon gesagt an einem Tag im späten September. Das war wohl, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht, das letzte Gespräch, das wir miteinander führten (danach korrespondierten wir noch bis Anfang Dezember per Mail), und nie werde ich vergessen, wie du mir Mut zusprichst, daß ich diese Krankheit überwinden werde, ich müsse nur ganz fest dran glauben, über deine verlierst du kein Wort, und so bleibe ich, vorläufig, ahnungslos.

Einige Zeit später tauschen wir erneut Bücher, und ich bedanke mich für die Pop-Gedichte in Monolith per E-Mail am 1. Dezember: Vielen Dank für Monolith, das ich in der vergangenen Nacht mit lustvollem Interesse gelesen habe. Da lese ich von vielen ›Helden‹, die ja auch mein Leben in irgendeiner Weise bereichert haben …

Waiting for Hübsch

In den ersten Januartagen 2011 ist es umgekehrt: Nun warte ich auf eine überfällige Botschaft von Hadayatullah, der mich für den 13. Februar zur 13. Frankfurter Wohnzimmerlesung eingeladen hat, und ich möchte gern wissen, wie es aussieht, ob es dabei bleibt. (Ge­meinsam mit Peter Oehler organisiert er diese von der Stadt Frankfurt subventionierte Lesereihe, und am 20. August wird die Lesung – gemeinsam mit Olaf Velte – tatsächlich stattfinden, ein unvergeßlicher Abend in einem Frankfurter Kleingarten, an dem wir immer wieder auf Hadayatullah zu sprechen kommen wer­den, ein Abend, der einmal mehr zeigen wird, wie gern sich Menschen von Wörtern und Klängen bloß begeistern lassen – und gar nicht auf die Idee kommen, vom Gedicht auch inhaltlich Nach­vollziehbares bzw. unmittelbar zu Verstehendes, ›Sinn‹, ›Unsinn‹ zu erwarten – werch ein illtum …) Was sie erwarten (dürfen): gepackt und unterhalten zu werden, die Klaviatur rauf und runter, um hinterher sagen zu können: Unerhört, ja, ›unerhört‹.

Statt eines Lebenszeichens von Hübsch erhalte ich am 5. Januar eine E-Mail von Markus Pe­ters: Hadayatullah Hübsch ist am 4. Januar gestorben. Wieder einer weniger, der in diesem Literaturbetrieb mit Individua­lität Akzente setzen konnte. Kurz darauf schreibt Axel Kutsch: Nach Thien Tran und Eva Strittmatter ist nun auch Hadayatullah Hübsch (Herzinfarkt laut Wikipedia) gestorben. Markus hat es uns ja vorhin mitgeteilt. Laß uns weitermachen! Ich beginne zu begreifen: Hadayatullah Hübsch ist, ohne daß wir uns wiedersehen, in eine andere Welt gegangen. (Gibt es eine ›andere‹ Welt?)

In diesem hellen Winter

Das Gedicht Berlin-Taxi (yesterday) im von Andreas Altmann und Axel Helbig vorzüglich edierten Sammelband In eine andere Welt (poetenladen Verlag, Leipzig 2011) ist die wohl die letzte Veröf­fentlichung zu Lebzeiten dieses am 8. Januar 1946 in Chem­nitz geborenen, stets so lebendig wirkenden, einfühlsamen, immerfort schreibenden, publizierenden, korrespondierenden, wunderbar liebevollen Menschen:

Berlin-Taxi (yesterday) // In diesem hellen Winter / Hingen schwarze Monde über der Stadt, / Wir setzten die Nacht unter Feuer, / Du tratst hinter mich wie eine / In fremde Länder gekleidete Frau, / Ich zerfurchte meine Stirn mit dem Saphir, / Den ich in einer Holzkiste neben dem / Kohleofen im Haus Waldfriede aufgestöbert / Hatte, dein Lächeln wurde hart, / Als ich versuchte, das Licht der / Gewaltsamen Liebe anzudrehen, / Dann zersplitterte mein inneres Auge, / Sterne fielen in den Wann-See, / Ich parkte meine Haut in einem billigen / Milchmädchenkaffee, die Zeitungen / Von Morgen rochen wie Maggie-Würfel, / Ich sah aus dem Spiegel wie ein Vampir, / Traurige Lieder flossen über / Die Kreuzungen der Schneestraßen, / Ich plünderte die Blumengeschäfte und / Schenkte verletzten, entsetzten / Verkäuferinnen mit gehetztem Blick meinen Paß.

Glücklich?

Dem Essay Im Jahr des Buches 2010, im Dezember 2010 im Poetenladen veröffentlicht, stelle ich ein Zitat des von mir so unendlich hoch geschätzten Thomas Bernhard voran: Der lesende Mensch ist wie der fleischfressende auf die widerwärtigste Weise gefräßig und verdirbt sich wie der fleischfressende den Magen und die gesamte Gesundheit, den Kopf und die ganze geistige Existenz. Während ich zu dieser von Bernhard abgekanzelten Spezies des lesenden Menschen (die, gleichsam nebenbei, auch schreibt) gehöre, ist Hadayatullah Hüsch wohl eher derjenigen des schreibenden Menschen zuzuordnen, die nebenher auch liest. So werde jeder nach seiner Façon glücklich.

Weit über 100 Bücher hat Hadayatullah Hübsch veröffentlicht, darüber hinaus in buchstäblich zahllosen Zeitschriften und Anthologien seine Handschrift hinterlassen, und es sagt schon einiges über einen (zur Zeit recht angesagten) Schriftstellerkollegen aus, mit dem ich dieser Tage telefoniere, der auf die Frage, ob er Lyrik oder Prosa des im Januar 2011 verstorbenen Hadayatullah Hübsch kenne, mit nein antwortet. (Es soll ja auch Menschen geben, die nur schreiben und gar nicht lesen. Können solche Menschen etwa glücklich sein, glücklich werden? –Was heißt ›glücklich‹, würde Kraus jetzt feixen, doch für einmal schaut er mir nicht über die Schulter beim Schreiben.)

Du hast mir mit deiner Gitarre / In die Stirn geschossen

Im schön edierten Gedichtbuch Monolith. Pop-Gedichte versammelt Hadayatullah Hübsch Porträt-Gedichte, die er Menschen widmet, von denen er im Nachwort schreibt, daß sie ihn beeinflußt und er sie geschätzt, bewundert, geliebt hat – ›Lebenseichen‹ eben, die entlang der Allee gepflanzt sind, die Hübsch von 1946 bis 2011 beschreitet: Brigitte Bardot · Humphrey Bogart · Marlon Brando · Eric Burdon · W. S. Burroughs · Leonard Cohen · Miles Davis · James Dean · Bob Dylan · Marianne Faithfull · Jerry Garcia · Allen Ginsberg · George Harrison · Jimi Hendrix · Audrey Hepburn · Mike Heron and The Incredible Stringband · Buddy Holly · Janis Joplin · Grace Kelly · Jack Kerouac · Arthur Lee und Love · John Lennon · Jim Morrison · Nico · Hilka Nordhausen · Jürgen Ploog · Elvis Presley · Arthur Rimbaud · Carlos Santana · Patti Smith · Gary Snyder · Cat Stevens alias Yusuf · The Rolling Stones · Van Morrison · Tom Waits · Anne Waldman · Townes van Zandt. Hadayatullah Hübschs Schreibfluß versiegt nicht. Er gehört, wie Friederike Mayröcker, zu den Menschen, die Tag und Nacht schreiben müssen, denke ich, während ich Glenn Gould eine Sonate von Alban Berg spielen höre. Was ich, kurz und bündig, sagen will: Ich lese Hadayatullah Hübschs Bücher gern.

Meininger Haiku · Tickets

Von »über 80 Printpublikationen« ist die Rede in der Biobibliographie des Gedichtbands Tickets von 2002. (Schließlich werden es weit über 100 sein …)

1993 lernte ich die Lyrik Hadayatullah Hübschs mit dem wertvollen und wunderschönen, 50 Mal nur aufgelegten Künstlerbuch Buch Meininger Haiku kennen, das Hans Ulrich Prautzsch in der uräus-Handpresse in Halle an der Saale herausgebracht hat, und ich erlebte einen Autor, der mittels dreier Verse eine Dichte und Prägnanz zu schaffen in der Lage war, die den kurzen Gedichten lange Lebensdauer garantieren.

Wer ahnt das schon? Die meisten Bücher Hübschs zeigen ihn als Autor (sehr) wortreicher Gedichte. Ganz anders also als in Meininger Haiku erlebe ich Hübsch in Tickets: In 21 (sehr) langen Erzählgedichten rückt er Zeitgenossen auf den Pelz, scheut dabei vor keinem Kalauer zurück, um die zeitgenössischen Beschissenheiten auf den Punkt zu bringen. Das sind zum Teil für Poetry Slams geschriebene, verschiedene Bewußtseinsebenen collagierende, verschiedenste Quellen zitierende oder verfremdende Texte, und ich kann mir den zusätzlichen Drive, wenn Hübsch sie ins Mikrophon dröhnt, lebhaft vergegenwärtigen.

Schade

Bis zum Tod hat Hadayatullah Hübsch sich nicht davon abbringen lassen, die Wörter – geschrieben oder geschrieen – in Form von Gedichten, Essays und Geschichten unter die Menschen zu bringen. In einem Gedicht mokiert sich Hübsch über Lyriker à la Hans Magnus Enzensberger, die einst den Tod der Literatur verkündeten und immer noch prächtig davon leben. ›Schade‹ (würde Walter Kempowski vielleicht sagen), daß Gedichte dieses kämpferischen, leidenschaftlichen, vitalen Autors in Der Große Conrady nicht zu finden ist. Diesen von zahlreichen Autoren aus der Social-Beat- und Slam-Poetry-Szene als Idol verehrten Autor mit seiner einmalig-unnachahmlich leidenschaftlichen Schrei(b)-Art hätte ich im bedeutendsten Sammelband für Gedichte im deutschen Sprachraum (zuletzt 2008 aktualisiert und neu herausgegeben) sehr gern mit ein paar Gedichten abgedruckt gesehen, aber es hat eben nicht sollen sein. Ich vermute mal, Hübsch war’s relativ egal. Was solche Dinge angeht, wirkte auf mich stets gleichmütig und gelassen. Ich schreibe das hier auch nur auf im Sinne von: Ich mein ja bloß … hätt’s halt schön gefunden … Wie singt Zarah Leander: Davon geht die Welt nicht unter

Die ersten 100

2003 jedenfalls ist die Marke von 100 geknackt: Die ersten 100 Bücher von Hadayatullah Hübsch aus über 30 Jahren Subkultur in Deutschland heißt, folgerichtig und informativ, das Lesebuch, das wie eine Wanderung durch die Landschaft der mehrheitlich kleinen und kleinsten Verlage anmutet, die im deutschen Sprachraum angesiedelt sind. Hübschs Bücher füllen gleichsam eine eigene Bibliothek. Es ist interessant und spannend, dem Autor auf den verschlungenen Pfaden von Buch-Station zu Buch-Station, beginnend mit den beim Luchterhand Verlag erschienenen Gedichtbüchern Mach was du willst (1969) und ausgeflippt (1971) zu folgen. Mit dem 130seitigen Band »Die ersten 100« halten wir einen Überblick in Händen, in dem Hadayatullah die farbenprächtige Geschichte seiner Bücher (mit Beispielen) hübsch Revue passieren läßt. Gleichsam Subkultur live.

Vom richtigen Um­gang mit Licht

Mit Anna Gudera und Hadayatullah Hübsch und dem gemeinsamen – collagierten – Gedichtband Vom richtigen Um­gang mit Licht erforscht das Dresdner Buchlabor die Wirkungsmöglich­keiten einer Autorin und eines Autors, die in den untergrün­digen Sperrbezirken deutschsprachiger Literatur ihr Unwesen treiben. In diesem Gedichtband setzen sie den lyrischen Dialog fort, den Gudera und Hübsch über viele Jahre auch vermittels der Herausgabe der unregelmäßig edierten – ebenfalls Lyrik & Collage verbindenden – Zeit­schrift Holunderground führen – mit Siggi Liersch als Drittem im Bunde. Zyklisch organisiert, suchen die Gedichte paar­weise nach Antworten, die vielleicht Schamane und Lyriker bloß geben können: Die Abenddämmerung verkriecht sich / Wie der sterbende tollwütige Fuchs / Ins nahe Gebüsch / Dort blühen Augentrost / Pfefferminz / Und Dornenkronen / Und die schwarze Frau im Umhang / Pflückt behutsam heiliges Wissen / Hebt sacht vergangene Minuten auf / Verwahrt in ihrem dunklen Lachen / Fragend alle Antworten

Meine kleine Hadayatullah-Hübsch-Titel-Sammlung

Abgedichtetes. 40 Texte zu Zeitungsmeldungen · Gedichte (1979)

DERWISCH/stadt/LIEDER · Gedichte (1980)

liebe gedichte (1983)

Ich hab meine Blumen verloren. Ein Poem (1987)

Innenhaut. Fünfzehn Gedichte (1988)

Stop Mond 18 · Prosa (1992)

Umgeben von sanften Zellen · Gedichte (1992)

Tötet für den Frieden · Gedichte (1992)

P · E · N · G. Langer Brief eines 68ers an seine Tochter · Prosa (1993)

Meininger Haiku · Gedichte in drei Versen (1993)

Vom richtigen Umgang mit Licht · mit Anna Gudera · Gedichte (1994)

Die Kosmologie des Islam · Essays (1995)

Islam–99. Fragen und Antworten zum Islam (1995)

Dichter Nebel Deutschland · Gedichte (1995)

Mein Weg zum Islam · Essay (1996)

Islamische Mystik am Beispiel Jalaluddin Rumis · Essay (1997)

Macht den Weg frei · Gedichte (1998)

Als die Wildblumen blühten. Der »Heidi loves you shop« (1999)

»Something happened to me yesterday« oder Ein paar von uns leben noch · Prosa (1999)

Terror und Paradies. Gedichte zum Krieg (2001)

SMS an den Underground · Gedichte (2001)

Die Puppenspelunke. Vom Gehen und Vergehen einer Szene · Prosa (2001)

Monolith · Gedichte (2002)

Tickets · Gedichte (2002)

Die ersten 100 · Hadayatullah-Hübsch-Lesebuch (2003)

Eurobeat · Gedichte (2004)

Kann denn Rauchen Sünde sein? Ein Gedicht (2010)

Marock’n’Roll. Beatgedichte (2010)

Monolith. Pop-Gedichte (2010)

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