Zum Geleit – Ein Gastbeitrag

Das Hungertuch (auch Passionstuch oder Schmachtlappen) verhüllt während der Fastenzeit in katholischen Kirchen die bildlichen Darstellungen Jesu. Es entstand aus dem jüdischen Tempelvorhang, der im Neuen Testament im Zusammenhang mit dem Kreuzestod Jesu mehrfach erwähnt wird. Dieses Tuch trennt die Gemeinde optisch vom Altarraum und den Reliquien und erlaubt der Gemeinde die Liturgie lediglich hörend zu verfolgen. Zur körperlichen Buße des Fastens tritt eine seelische. Der Sinnspruch am Hungertuch nagen bezieht sich nicht nur auf materielle Armut, sondern auch auf die als Bedrängnis empfundene Gottferne.

Inzwischen leben wir aufgeklärten Menschen in einer säkularisierten Gesellschaft, in welcher sich ein spirituelles Bedürfnis nunmehr in Spurenelementen artikuliert. Früher sagte man wie im Märchen; später galt wie im Film, wenn etwas Außergewöhnliches geschah. Heute lautet das Motto: „Das ist bestimmt ein PR–Gag.“ Und wie jeder schlechte Witz wird er möglichst oft weitererzählt. Nicht auf die gelungene Pointe kommt es an, sondern auf die Verbreitung, gemäß des angestaubten Mottos Hauptsache, man spricht drüber. Dieses Prinzip mündet zwangsläufig in die Tautologie: Alle reden darüber, weil alle darüber schreiben. Und umgekehrt.

Noch ist Wissen als symbolisches Kapital im Kunstbetrieb unverzichtbar. Die Unabhängigkeit der Inhalte schützt am besten, wer sich tatsächlich um die Inhalte kümmert. Deshalb verleihen wir ab dem Jahr 2001 den Künstlerpreis „Das Hungertuch“. Es wird an Artisten verliehen, die mit experimentellem Pioniergeist im 21. Jahrhundert neues künstlerisches Terrain aufbrechen. Die Jury verfolgt mit besonderem Interesse künstlerische Ansätze, die sich um die Verschmelzung unterschiedlicher Genres bemühen.

Ulrich Peters, Begründer des Preises im Dezember 2001

 

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Originaldruck: Haimo Hieronymus

 

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Eine Liste der Preisträger findet sich hier.