Jahrbuch der Lyrik: Ende der Reise?

 

In der letzten Februarwoche schickte S. Fischer den Autorinnen und Autoren des Jahrbuchs der Lyrik 2009, das Christoph Buchwald gemeinsam mit Uljana Wolf heraus­gegeben hat, die Belegexemplare. Da kommt bei allen Beteiligten Freude auf, sollte man meinen. Diesmal wollte sie sich jedoch nicht so richtig einstellen. Dafür sorgte ein Begleit­schreiben der zuständigen Lektorin, die den lieben Autorinnen und Autoren mitteilte, daß man sich bei S. Fischer nach langen Über­legungen und Diskussionen dazu „entschließen mußte“, das Jahrbuch der Lyrik nicht mehr weiterzuführen.

Davon geht die Welt nicht unter. Aber es ist trotzdem schade, daß der renommierte und bislang nicht als finanzschwach aufgefallene Verlag das Jahrbuch aus seinem zukünftigen Programm verabschiedet. In den Ausgaben 2008 und 2009 bin ich selbst mit Beiträgen vertreten. So wird uns Autoren ein wichtiges Forum für die Veröffentlichung neuer Gedichte entzogen.

Mit Lyrik lassen sich wirt­schaftlich gesehen keine Blumentöpfe gewinnen. Das ist jedem klar, der sich auch nur ansatzweise mit dieser Literatur­gattung beschäftigt. Aber ist die Lage denn wirklich so ernst, daß ein großer Verlag wie S. Fischer sich das überschaubare Risiko einer jährlichen Lyrikanthologie nicht mehr leisten kann?

Ich bereite zur Zeit die Herausgabe von zwei Lyrikanthologien im kleinen Weilerswister Verlag Ralf Liebe vor und werde seit Tagen und Wochen mit Manuskripten unbekannter, ziemlich bekannter und sehr bekannter Poeten zugedeckt. Wenn Verlag und Herausgeber ihre Arbeit nur unter wirtschaftlichen Aspekten betrachten würden, müßten sie alle Zelte abbrechen und sich auf Fantasy oder Krimis stürzen. Es gehört viel Enthusiasmus dazu, Poesie herauszugeben bzw. zu verlegen. Man könnte auch sagen: ein wenig Verrücktheit. Bei den großen Verlagen schrumpft das Engagement für die Nischengattung Lyrik offenbar immer mehr. Dort will man sich das bißchen Verrücktheit nicht mehr erlauben, sondern orientiert sich an Zahlen. Dabei würde eine Gedichtanthologie, die bestenfalls die Kosten deckt, wohl kaum zum Ruin eines solchen Unternehmens beitragen.

Allerdings bedeutet der Abschied bei S. Fischer nicht automatisch das Aus für das Jahrbuch. Chef-Herausgeber Christoph Buchwald hat die tra­ditions­reiche Anthologie­reihe schon einige Male aus stürmischer See in ruhige Gewässer manövriert – von Claassen über Luchterhand und C. H. Beck bis an den Main. Ob die Reise weitergeht, steht einstweilen noch in den Sternen. Sollte sie nach 30 Jahren beendet werden, wäre es ein großer Verlust für die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart.

 

***

Eine  Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren aus Metropole und Hinterland hier.