Fotografieren

 

Immer waren es Begegnungen mit Menschen, die mir geschenkt worden sind und die mich weitergebracht haben in meinem Leben. Die mich inspiriert haben zu Neuem, die mich zum Nachdenken gebracht haben. Oft war nur im Vorübergehen etwas, das mich berührt und angesprochen war, es gab aber auch längere und tiefgreifende Beziehungen zwischen uns, oder es sind sogar Freundschaften aus den Begegnungen und dem einander Kennenlernen entstanden, die mich manchmal eine Weile hindurch oder über längere Zeit begleitet haben. Wegbegleitung, könnte man das nennen. Und Wegbegleiter diese Personen, denen ich verbunden war und bin. Schön war dieses Aufeinandertreffen, wichtig waren die Gespräche, kostbar diese Zuwendung zueinander. Oft waren es im wahrsten Sinn des Wortes „Augenblicksbegegnungen“, vor allemdann, wenn ich fotografierte und den Menschen eben in einem Augenblick abbildete. Durch das Objektiv meiner Kamera sah ich viel schneller und genauer als sonst, ich das und sehe beim Fotografieren sofort das Charakteristische, das Besondere, das Außergewöhnliche, das Individuelle einer Person. Jede solche Fotoaufnahme ist eine Begegnung. Oft und viel leichter als nur mit höflichen Worten entwickeln sich da ein Zueinander, ein Miteinander. Das Porträtierenbist eine zwei Personen umfassende und in eine Gemeinsamkeit mit einbeziehende Tätigkeit. Manhat nach dem Akt des Fotografierens plötzlich etwas gemeinsam, das es vorher noch nicht sogegeben hat. Deshalb ist meine Kamera nicht nur ein Abbildungsinstrument, sondern ein Kommunikationsinstrument. Durch das Fotografieren wird mir der Zugang zum anderen Menschen erheblich erleichtert. Die Situation hat eine gewisse Leichtigkeit, die sich in Offenheit umsetzt. So gewann und gewinne ich noch immer schneller und leichter Kontakt zu den Menschen. Das Reden kommt vorher und ist nachher. Dazwischen ist die Aufnahme. Man tauscht sehr oft gegenseitig die Adressen aus, weil man das Foto oder die Fotos gern als eine Manifestation dieses Augenblicks haben möchte und ich sie gerne hergebe. Auf diese Weise sind viele Begegnungen, ja Beziehungen entstanden. Das Fotografieren ist für mich eine Art und Weise, andere kennenzulernen, mit ihnen einen Kontakt herzustellen und zu haben. So vielelernten mich auf diese Weise im Lauf der Zeit kennen und kennen mich mittlerweile (manchmal hauptsächlich nur) als Fotografen und stellen sich gerne hin zum Fotografieren. Das Bild ist für mich wichtig, auch als Ergänzung zu meinem Wort. Überhaupt sind in meinem Kopf tausende Bilder gespeichert, an die ich mich auch leicht und gerne erinnere. Und mir diesen Bildern sind Menschen und Ereignisse, auch Lebenszeiten verbunden. Ein Fotogedichtband von mir trägt denTitel „Bildersprache“. Ja, das ist eine Sprache, in der ich viel erfahren und viel ausdrücken kann. Und wo das Wort oft endet, steht als Zeichen dann ein Bild, das zu uns spricht.

 

 

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Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn

Weiterführend → KUNO schätzt dieses Geflecht aus Perspektiven und Eindrücken. Weitere Auskünfte gibt der Autor im Epilog zu den Schriftstellerbegegnungen.
Die Kulturnotizen (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespräche in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden Kollegengespräch von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.