Idole

Was ist ein Idol anderes als der dunkle Schatten einer kollektiven Erinnerung, eine archaische Sehnsucht nach dem Prinzip Geborgenheit und Wärme, manifestiert im weichen Umriss des Ewigweiblichen, Ewigmütterlichen?

Wie ein ferner heimatlicher Höhlenruf klingt der Reigen der tanzenden Idole in Haimo Hieronymus’ und A.J. Weigonis gleichnamigem Künstlerbuch hinter den Augen nach. Lustvoll, gelassen, warm und sanft fließen die weiblichen Idolformen über das glatte Papier. Dank der neu entwickelten Leimdrucktechnik wirkt der Farbauftrag besonders satt und weich, schleichen sich in die Serialität der Drucke kleine Abweichungen, Makel, Schönheitsfehler ein, die die Figuren wieder ein Stück weit individualisieren und ihnen gleichzeitig liebenswerte Züge verleihen. Denn Perfektion kann Bewunderung hervorrufen, aber keine Liebe. Idole sind nicht perfekt, auch wenn das im heutigen Verständnis anders scheinen mag. Idole sind perfekt ob ihrer warmen Unperfektion, ihres gelassenen Umgangs mit dem Körperlichen, ihrer Selbstzufriedenheit.

In Haimo Hieronymus’ Idolzyklus manifestieren sich ans Ursprüngliche, Unverstellte, Unzivilisierte im Menschen rührende Regungen, elementare Empfindungen von Lust und bejahender Lebensfreude. Dabei ist sich der Künstler stets bewusst, dass Lust auch mit Schmerz einhergeht; die dunkle Seite lässt er nicht außer acht, sondern zeigt auch den eher pein- als lustvoll sich windenden und krümmenden Leib. So sehr man einerseits den Anblick genießt, so sehr schmerzt es an anderer Stelle die aufs Papier mit dem Körperlabyrinth gebannten Augen. Zu einfach wäre es, dies bloß als weiteren Beitrag in der langen Künstlertradition zum Thema der Frau als Prinzip des Ewigfruchtbaren zu sehen. Vor allem auf formaler Ebene zeigt sich der Willen zur Hinterfragung und Auseinandersetzung mit überkommenen Formen und Mustern. Hieronymus’ Drucke paraphrasieren nicht uralte Idole der Menschheitsgeschichte, wie etwa die Venus von Willendorf, sondern verweisen spielerisch auf diese Vorbilder, gleichzeitig völlig neue Ausdrucksformen schaffend. Durch starke Flächigkeit und Reduktion auf bloß allernotwendigste Elemente wie Linien und Punkte bewegen sie sich zwischen Figuration und Abstraktion und lassen Raum für eigenes Orientieren und sinnliches Empfinden im Körperfragment. Im Kontrast zur Linie und Fläche erzeugen die weichen Übergänge des hier angewendeten Leimhochdrucks in Verbindung mit der zähflüssigen Farbe gleichzeitig den Eindruck überraschend runder Körpervolumina. Das Spiel mit dem Material wird für Künstler wie Betrachter zum sinnlichen Erlebnis: Fast meint man noch das Schmatzen des satten Farbauftrags in den Ohren zu haben; anfangs widerspenstig, gibt sich am Ende die eigenwillige Textur geschmeidig der so glatten, spiegelnden Papieroberfläche hin. Durch Reduktion schwindet die Eindeutigkeit: Plötzlich ist diese Form da nicht mehr unbedingt ein Frauenkörper, bekommt androgyne oder Satyrzüge, wird zur Huldigung an das bacchantische Prinzip. Selten hat man Haimo Hieronymus in seinen Arbeiten dermaßen sinnlich und gelassen erlebt.

Im Kontext der Trilogie mit A.J. Weigoni steht das Künstlerbuch „Idole“ als logischer und befriedigender Abschluss: Vom Kampf des Künstlers mit sich und dem Material wie in den brutal-kathartischen Holzschnitten „Unbehaust“ über das feinnervige Vortasten in halbfigurative Welten in „Faszikel“ ist es ein spannender und mutiger Weg bis zum optimistischen, aber nicht naiven, sondern immer noch stets hintergründigen Spiel mit dem Material und der Form, zur Huldigung der Figuration als Verkörperung des Lebens, der Freude am Empfinden und Erleben, am Schmecken und Riechen, Atmen, Fühlen, Tasten, des Genießens ohne Reue. Ein Zyklus über den Hunger und die Sucht nach Leben und Liebe, die den Menschen seit Jahrtausenden umtreiben.

 

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Idole, ein Künstlerbuch von Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni,  Edition Das Labor, 2007

 

Weiterführend → Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers.