Kleine Wahrheit

Die Philosophie ist eine Art Rache an der Wirklichkeit.

Nietzsche.

Als überlistete sich im Menschen die Natur, sie wird sich ihrer im Menschen bewusst, so scheint es, aber wahrscheinlich ist das leider eine Täuschung – die Wirklichkeit spiegelt sich nur in der Philosophie, als Zerrbild. Zwar kommt uns das Zerrbild wahrer vor als die erlebbare Wirklichkeit, aber wir sehen nur ein Bild der Wirklichkeit, und zwar unser subjektives Bild – vielleicht ist uns das Leben nur so verständlich. Vermutlich ist die Täuschung die beste, die einzige Wahrheit. Anders gesagt, es gibt gar keine Wahrheit, es gibt nur ein Bild, das wir für die Wahrheit halten. Wenn wir Glück haben, aber das wissen wir nie, ist unsere eigene Wahrheit die einzige Wahrheit, eine Tautologie, obwohl in der Tiefe des Gedichts die Wahrheit liegt, dass alles Reden und Schreiben ein einziges Schweigen ist. Totsein ist Leben, die Dinge sagen sich alle selber, das Leben ist eine Formel des Nichts, nur ein anderes Wort, eine andere Gleichung. Alle Gleichungen sind Tautologien, links steht dasselbe wie rechts. Alles sagt sich selbst. Whitehead/Russels „Principia Mathematica“ und Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“. Freges Wahrheitsstriche, die Russell weglässt, sind nur Behauptungen von Geltung, damit ist nicht gesagt, dass das behauptete Sein überhaupt gilt oder da ist. Das Sein ist nur ein umgestülptes Nichts – oder umgekehrt, das Nichts ein umgestülptes Sein. Das Umstülpen ist das Geheimnis von Zufall und Notwendigkeit (Monod), und das Gesetz ist die Wahrscheinlichkeit: Alles kann sich ereignen, auch das Nichts, auch der Mensch, das Jetzt, es ist ja genug Zeit und Raum da, genug Platz im Nichts, um durch alle Zustände zu gehen, auch die ‚unmöglichen’.

 

Weiterführend →

Ulrich Bergmann nennt seine Kurztexte ironisch „gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs“. Wir präsentieren auf KUNO eine lose Reihe mit dem Titel Splitter, nicht einmal Fragmente. Lesen Sie zu seinen Arthurgeschichten den Essay von Holger Benkel. Eine Einführung in seine Schlangegeschichten finden Sie hier.

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