Trendy & Neo

Social Beat im engeren Sinn ist ein längst überholter Begriff, aber offenbar auch der Versuch, die Schlagkraft des Pop zu tradieren und seine Idee von Popularität und naiv-demokratischem Künstlertum (jeder Mensch ist ein Künstler – ) weiterzuentwickeln. Dabei sprang dann oft statt eines sozialen Engagements durch Taten eher eine Art Mitgefühl mit künstlerischem Gehabe heraus, eine Ersatzhandlung und ein Alibi zur eigenen Entlastung von Befindlichkeitsstörungen im Kontext biografisch bedingter Hemmungen und Schwierigkeiten – scharf formuliert: Post-pubertäre Verschriftlichung andauernder persönlicher Probleme, ohne eine wirklich genaue Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse vorzunehmen. So mancher Autor schreibt in der SB-Manier als Trittbrettfahrer und aus purer Eitelkeit. Die wirklich authentische und auch formal gut gestaltete und prägnante Literatur in der Art des Social Beat findet sich heute nur noch selten. Längst ist social beat nämlich überwunden, und es ist schon ein wenig sonderbar, dass es einige Literatur-zeitschriften gibt, die glauben, sie seien Foren einer authentischen Literaturrichtung, und die nicht sehen (wollen oder können), was es sonst noch gibt und längst schon gab! (Eine Parallele dazu sind die Magazine, die immer noch den Dadaismus, in epigonalster Form, pflegen – erstaunlich, dass Claudia Pütz den V.O. Stomps-Preis gewinnen konnte. Aber egal. Immerhin gelang ihr eine neue Material-Verpackung ihres Magazins – und sowas zählt eben auch.)

Vielleicht liegt solche fortgesetzte Epigonalität nicht nur daran, dass junge Leute in dieser Zeit viel offener die Probleme ihrer Persönlichkeitsentwicklung austragen und vor sich her tragen als früher. Darin lässt sich auch durchaus ein Fortschritt erkennen. Allerdings sind die (eben oft viel zu speziellen) Probleme einer kleinen Gruppe nicht tauglich für gruppenüberschreitende Wirkung.

Sondern: Ein weiterer Grund ist ganz einfach auch Unkenntnis aus purem (Gruppen-) Egoismus. Es fällt auf, dass im social beat die Geste der Betroffenheit meist jeden gedanklichen Witz und jede formale Idee weit in den Schatten stellt, nur ist diese Betroffenheit viel zu intern, pathetisch, gefühlsduselig, naiv im elenden Sinne, oft hohl, abgegriffen und allzu vulgär-romantisch. Eine Parallele dazu ist ein großer Teil der Industrie-Musik (aller Stile!), durch die sich manche oft zwanzig Jahre ihres Lebens durchhören, ehe sie (wenn überhaupt) die Musik von Stockhausen, Ligeti, Alfred Schnittke, Xenakis, Milhaud, Nono, Nancarrow, Sophia Gubaidulina entdecken.

Es gilt andererseits: Es gab und gibt einige sehr prägnante, sehr authentische und einfallsreiche Texte von SB-Autoren. Allerdings behaupte ich, dass solche guten Texte nicht mehr viel mit SB zu tun haben.

Ich hänge nicht an dem zerfallenden und allzu weiten Begriff des Social Beat, und vielleicht könnte man die Literatur so mancher Zeitschrift, die von purer Lautstärke oder Kraftmeierei lebt, messen an ihrer einfältigen und oft uniformen Gruppenbezogenheit, an dem wenig kunstvollen und phantasiearmen Versuch der Literarisierung postpubertärer Selbst- und Weltfindungsprobleme.

 

[An Alexander Scholz]

 

Weiterführend →

Ulrich Bergmann nennt seine Kurztexte ironisch „gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs“. Wir präsentieren auf KUNO eine lose Reihe mit dem Titel Splitter, nicht einmal Fragmente. Lesen Sie zu seinen Arthurgeschichten den Essay von Holger Benkel. Eine Einführung in seine Schlangegeschichten finden Sie hier.