Automatenabenteuer

„Das Losgehen und Wiederankommen scheint eine Konstante in der Literatur sämtlicher Hochkulturen zu sein. Niemals aber scheint dieser Prozess abzulaufen, ohne dass sich eine Veränderung ergeben hat. Der Protagonist wird sich nach jedem Fernbleiben mit neuen Perspektiven in sein altes Leben stürzen und wahrscheinlich dieses auch verändern, sei es nur um wenige Grad in eine neue Richtung lenkend, da er über den Tellerrand hinaus blicken durfte, da er seinen Gesichtskreis erweitert hat.“ Hatte er in irgendeinem Kulturteil einer mittelgroßen Zeitung gelesen. Schmunzeln, lächeln, weitergehen. Solche Texte konnte man nur schnell wieder vergessen, zu viele Gemeinplätze.

Jeden Abend ging auch Herr Nipp weg, verließ das traute Heim, versuchte sich für einige Stunden zumindest von dieser Wohnung, der direkten häuslichen Umwelt zu lösen. Dies nicht, weil er ein besonderes Interesse gehabt hätte, sich von allem zu befreien, er wollte sich erweitern. Meistens allerdings kam er nicht weiter als ein paar Straßen, setzte sich zu seinen Freunden und unterhielt sich, immer ein Glas Wein zur Hand oder auch mal alkoholfreies Weizen, wenn das Gefühl hochkam, dass er zu wenig Flüssigkeit aufgenommen hatte. Diese Unterhaltungen über allgemeine Themen waren für ihn immer Anreiz, sich weitergehend zu informieren. Wissen schließlich sein Kapital, keine Halbwahrheiten oder geschätzte Zahlen, sondern die genauen Zusammenhänge und Daten.

An wenigen Tagen im Monat jedoch suchte er auch andere  Städte, andere Menschen und Kulturen auf, sei es als Reisender, sei es als Besucher von Kunstveranstaltungen jeglicher Art, Konzerte, Ausstellungen oder Theater. Auch an diesem Abend wollte er andere Künstler besuchen, eine junge Gruppe in Dortmund, die sich ein Ladenlokal angemietet hatte. Einen ART-O-MAT im Gepäck fuhr er vor, man begrüßte sich herzlich, nahm sich obligatorisch in den Arm. Gehörte zum guten Stil, zu den geläufigen Gepflogenheiten. Meistens gingen inzwischen viele dazu über, selbst das Drücken als Geste anzudeuten. Herr Nipp nahm nicht gerne in den Arm, das hatte er lernen müssen, wenn aber, dann kräftig und ehrlich. Leuchtende Augen. Man würde das Gerät mit kleinen Kunstwerken bestücken, würde sicherlich am folgenden Tag genügend Geld damit einnehmen, um die nächsten Monate finanzieren zu können. Aktionen. Man hatte ihn gefragt, ob das möglich sei. Die kommende Nacht sollte es zeigen.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.